Yosi Horikawa Album Impuls
- Label: Borrowed Scenery – BS002LP
- Format: 2 x Vinyl, LP, Album, Stereo, Stream, Youtube
- Country: USA
- Released: Oct 2025
- Genre: Electronic
- Style: Ambient, IDM, Leftfield
- Amazon link: Yosi Horikawa
Akustische Architektur: Warum Yosi Horikawas „Impulse“ kein Album ist, sondern ein Raum
Es begann alles mit einem Ghettoblaster, einer Hip-Hop-Schallplatte und der Holzunterseite eines Bettes. Wer heute die unfassbar räumlichen, dreidimensionalen Klanglandschaften von Yosi Horikawa hört, ahnt meist nicht, wie banal und wunderbar bodenständig diese Karriere im Osaka der Neunzigerjahre ihren Anfang nahm.
Als Yosi mit 12 Jahren seinen ersten Ghettoblaster bekam, fiel ihm das Albumcover von KRS-Ones Return of the Boom Bap in die Hände. Darauf zu sehen: Der Rapper, der mangels Mikrofon einfach aus voller Kehle in die Ohrmuschel eines Kopfhörers brüllt. Fasziniert von diesem Pragmatismus, stöpselte der junge Horikawa kurzerhand seine eigenen Kopfhörer in den Mikrofoneingang und begann, Rhythmen auf Konservendosen und seinem Bettgestell einzutrommeln.
Dieser ungebremste Do-It-Yourself-Geist prägt ihn bis heute. Aber Horikawa ist eben kein klassischer Beat-Schrauber geworden. Er ist ein Architekt des Klangs. Und das ist in seinem Fall sogar buchstäblich zu verstehen.
Vom Schweißgerät in die Red Bull Music Academy
Bevor Horikawa nämlich auch nur im Ansatz daran dachte, von Musik zu leben, studierte er Handwerk und Design – inklusive Schweißen und Filmentwicklung. Daran schloss er ein handfestes Architekturstudium an. Und genau hier liegt der Schlüssel zu seiner Kunst: Horikawa entwirft keine Beats, er konstruiert Räume.
Er versteht Frequenzen wie Baumaterialien. Wo ein gewöhnlicher Produzent einfach einen Hall-Effekt aus der Software auf eine Snaredrum legt, schnappt sich Yosi seinen mobilen Zoom-Field-Recorder, fährt in einen Wald oder auf eine Insel und nimmt den tatsächlichen, physikalischen Raum auf.
Der internationale Durchbruch kam 2011, als er in die elitäre Red Bull Music Academy nach Madrid berufen wurde. Dort traf sein organischer Natur-Ansatz plötzlich auf State-of-the-Art-Studiotechnik.
Die Werkzeuge: Transientenfokus und gnadenlose Studiomonitore
Wer Alltagsgegenstände – wie fallende Bleistifte, raschelndes Laub oder hüpfende Tischtennisbälle – als Leadinstrumente nutzt, braucht Equipment, das nichts verzeiht. Horikawas Sound steht und fällt mit der sogenannten „Top class transient performance“, also der Fähigkeit der Lautsprecher, plötzliche, harte Schallereignisse ohne das geringste Verschleifen abzubilden.
Wenn er Tracks mischt oder für renommierte echte Architekten wie Kengo Kuma Sound-Installationen designt, verlässt er sich nicht auf weichgespülte HiFi-Boxen. In solchen State-of-the-Art-Umgebungen stehen hochpräzise, knochentrockene Studiomonitore. Oftmals sind das finnische Genelec-Koaxialmonitore (wie die 8351) oder andere hochauflösende Punktstrahler, die bei Produzenten dieses Genres wegen ihrer abartigen Phasengenauigkeit und Raumabbildung geliebt werden. Horikawa selbst prüft seine Field-Recordings mikroskopisch genau mit extrem ehrlichen Studio-Kopfhörern wie dem Beyerdynamic DT 150 oder dem Sennheiser HD25, bevor sie überhaupt in den Mix wandern.
Er baut sogar seine eigenen Instrumente, wie eine maßgeschneiderte Kalimba, um genau jene Texturen zu erzeugen, die ihm vorschweben. Warum er das macht? Horikawa sagte einmal sinngemäß: Ein Synthesizer klingt wie ein Synthesizer. Aber reale Geräusche erzählen sofort ihre eigene Geschichte. Er startet oft mit einem Rhythmus, aus dem sich in seinem Kopf ein visueller „Nebel“ bildet – und dann sucht er in der Natur exakt die Geräusche, die diese Kulisse scharfstellen.
Der Audio-Tauchgang: Impulse Track-by-Track
Sein jüngstes Meisterwerk Impulse (erschienen im September 2025) ist das absolute Destillat dieser Arbeitsweise. Es ist eine psychoakustische Reise, die den Kopfhörer oder den Hörraum physisch sprengt. Hier ist der Fahrplan für diesen akustischen Ausflug:
- 1. Kozu Island (5:35)
Der Field-Recording-Auftakt auf der gleichnamigen japanischen Vulkaninsel. Brandung, feiner Sand und organische Rhythmen, die sich aus der Naturkulisse schälen. Ein Stresstest für die Hochton-Auflösung eurer Anlage. - 2. Body (3:39)
Purer Körperschall. Horikawa nutzt den menschlichen Körper (Klatschen, Schnipsen, Herzschlag) als Rhythmusgruppe. Man spürt die perkussiven Schläge förmlich auf dem Brustkorb. - 3. Soil (3:38)
Erdige Texturen, das Knirschen von Untergrund und extrem trockene Transienten. Ein Track, der sofort entlarvt, ob der Bass präzise ankoppelt oder undefiniert vor sich hin wummert. - 4. Metal (4:29)
Ein klirrendes, resonantes Hi-Hat-Gewitter aus reinrassigen Alltagsgegenständen. Was auf schlechten Boxen spitz und nervig klingt, entfaltet bei sauberer Auflösung eine fast schon hypnotische Mechanik. - 5. Vertigo (4:14)
Nomen est omen. Schwindelerregende Panning-Effekte und wild rotierende Klangräume. Wenn die Phantommitte des Setups nicht bombenfest zentriert ist, wird euch hier im wahrsten Sinne des Wortes schwindelig. - 6. New Orleans (4:19)
Schwüle Straßenatmosphäre trifft auf Horikawas unverwechselbaren Groove. Man hört förmlich das knarzende Holz der Instrumente und die dichte Luft der Südstaaten-Metropole. - 7. Snowbird (6:10)
Kristalline Höhen, knisternder Schnee und eiskalte Flächen. Ein Track mit extrem weiter Räumlichkeit, bei dem Mikrodetails nicht im Raumhall ertrinken dürfen. - 8. Dawn (5:54)
Die Natur erwacht. Filigranes Vogelzwitschern, das fließend in weite, wogende Flächen übergeht. Ein Meisterwerk der Dynamik. - 9. Deep Sea (5:05)
Der tieffrequente Vorbote. Ein immenser physischer Druck im Subbass-Bereich baut sich auf und zieht einen langsam vom Licht weg in die dunkle, druckvolle Tiefe. - 10. Underwater (4:39)
Der Kopfsprung. Dumpf, extrem dicht und beklemmend real. Horikawa manipuliert Wassertropfen und Strömungen zu treibenden Beats – wenn die Laufzeiten stimmen, sitzt ihr plötzlich mitten im Marianengraben. - 11. Tono (5:21)
Ein fast schon spiritueller, reinigender Ausklang. Glockenähnliche Klänge und eine schier endlose Räumlichkeit entlassen euch aus dem Wasserdruck wieder zurück an die Oberfläche.
Ein kurzer Gruß aus dem Labor
Genau hier, wenn das Album verklingt, schließt sich der Kreis zu unserer eigenen Philosophie auf mackern.de. Horikawa betreibt im Studio einen enormen architektonischen Aufwand. Er ordnet Schallquellen punktgenau im Raum an und poliert jede Transiente.
Was bringt uns diese akribische Kunst, wenn unser Hörraum daheim die Laufzeiten verwischt und das Refelxport-Gehäuse der Boxen fröhlich mitsingt? Richtig: gar nichts. Und genau dafür – und wirklich nur dafür – habe ich meinen Convolver (Roon geht auch) im Hintergrund laufen. Ich zwinge die Anlage mit maßgeschneiderten FIR-Filtern und phasenlinearer Disziplin einfach dazu, dem Raum sein Eigenleben zu nehmen. Das MPL ist nicht der Star der Show. Es ist nur der Türsteher, der dafür sorgt, dass Horikawas architektonisches Meisterwerk genau so auf meiner Couch ankommt, wie er es in seinem Studio erdacht hat.
Nicht mehr, aber eben auch kein bisschen weniger. Viel Spaß beim Abtauchen!