Etta Cameron Nikolaj Hess Album Etta
Etta Cameron & Nikolaj Hess – „Etta“: Ein Masterpiece, das keine Gefangenen macht
- Label: Stunt Records – STUCD 09172
- Format: CD, Album
- Land: Denmark
- Veröffentlicht: 2009
- Genre: Jazz
- Amazon Bestellung: Etta Cameron
Nur wir Audio-Freaks sind ein ganz besonderes Völkchen. Wir geben Unsummen aus, um Musik aus einer Perspektive zu hören, die wir bis dato nicht kannten. Bei jedem neuen Lautsprecher, Verstärker oder Zuspieler sind wir voller Erwartung, die vorhandenen Alben und Titel neu zu entdecken. Einige von uns, da gehöre ich dazu, sitzen da, analysieren erstmal, um sich später der Idee des Musikflusses hinzugeben.
Aber mal unter uns: Geht’s tatsächlich um die Musik? Ich denke nicht! Für geschätzte 80 % der HiFi- und High-End-User ist die Geräte-Geilheit wichtiger und die Idee, einer Illusion hinterherzulaufen und die Befriedigung darin zu finden, andauernd Geräte auszutauschen. 2 % mehr Musikalität in den Mitten, 3 % mehr Bass, 4 % weniger Bass und, und, und… Das alles, liebe Freunde, sind Illusionen.
Aber kommen wir nun zu dem Thema, um was es in diesem Artikel geht. Etta Cameron und Nikolaj Hess. Album Name: Etta. Ein Album, das ich klanglich und inhaltlich als echtes Masterpiece betiteln würde.
Zwei musikalische Schwergewichte in perfekter Harmonie
Wer Etta Cameron nicht kennt, hat eine der gewaltigsten und emotionalsten Stimmen aus Jazz und Gospel verpasst. Ihr Werdegang ist so tiefgründig wie ihr Timbre: Auf den Bahamas geboren, wuchs sie in den USA auf, verbrachte später fünf schwierige Jahre in der DDR, bevor sie letztlich nach Dänemark fliehen konnte. Dort fand sie ihre wahre musikalische Heimat und avancierte zur absoluten Ikone und Ritterin des Dannebrogordens. Diese Frau hat das Leben mit all seinen Schattenseiten und Hoffnungen in ihre Stimmbänder gebrannt. Jede Phrasierung, jeder Atemzug auf diesem Album ist pure, gelebte Geschichte.
An den Tasten begleitet sie Nikolaj Hess, ein Schwergewicht der dänischen und internationalen Jazzszene. Hess ist kein Pianist, der den Raum mit unnötigen Noten zukleistert. Sein Werdegang führte ihn von den Clubs in Kopenhagen bis nach New York, wo er sich einen Namen als unfassbar feinfühliger Begleiter und Arrangeur machte. Auf Etta liefert er das perfekte, intime Fundament. Er weiß exakt, wann er die mächtige Stimme von Cameron tragen muss und wann er sich zurückziehen und die Stille wirken lassen sollte.
Die ungeschönte Wahrheit des Sun Studios
Aufgenommen und gemischt wurde dieses herausragende Stück Musikgeschiche im legendären Sun Studio in Kopenhagen unter den Händen von Toningenieur Bjarne Hansen. Wenn wir nun darüber sprechen, welche Lautsprecher in solchen professionellen Studios genutzt werden, müssen wir kurz in die Realität zurückkehren: Dort stehen keine HiFi-Blender. In Top-Studios wie dem Sun Studio kommen kompromisslose, neutral abstimmte Studiomonitore zum Einsatz – akustische Messinstrumente von Herstellern wie ATC, Genelec oder PMC. Diese Lautsprecher sind absolute Werkzeuge; sie machen nichts warm, sie machen nichts schön. Sie werfen dem Toningenieur die nackte, phasenlineare Wahrheit ins Gesicht. Genau deshalb ist die Aufnahme von Etta so extrem direkt, greifbar und hervorragend produziert. Sie entstand unter Bedingungen, bei denen nichts vertuscht werden konnte.
Ausnahmslos alle Titel sind in einer Klangqualität, welche gewährleistet, sich der Musik vollends hinzugeben. Aber Vorsicht! Die Stimme Ettas kann zu tief wirken, wenn die heimischen Lautsprecher dick auftragen, weil sie „warm“ abgestimmt sind und euer Wohnraum zum Dröhnen neigt. Für die unter uns, die Dröhnen mit Bassqualität verbinden: Jungs, die Stimme Ettas hat so viele Klangfarben, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen!
Dennoch an dieser Stelle ein dickes Sorry! Habe vergessen: Ihr wollt ja die Musik nicht hören, sondern euren Raum.
Die Titel im Detail: Ein klanglicher Durchmarsch
- 1. What A Wonderful World (7:06)Ein extrem mutiger Opener. Wo andere durch das Stück hetzen, nehmen Cameron und Hess das Tempo komplett raus. Die Stimme steht gigantisch im Raum, das Klavier federt jeden Atemzug ab. Wer hier keine Raumtiefe hört, muss seine Lautsprecher neu aufstellen.
- 2. Summertime (4:35)Der Gershwin-Klassiker, aber völlig befreit von Kitsch. Die Dynamiksprünge in Ettas Stimme sind ein echter Stresstest für Hoch- und Mitteltöner. Wenn die S-Laute hier zischeln, liegt es definitiv nicht an der Aufnahme.
- 3. You’ve Changed (5:13)Melancholie pur. Die Interaktion zwischen Klavier und Gesang ist hier so intim, dass man das Gefühl hat, direkt neben dem Flügel zu sitzen. Ein Paradebeispiel für eine absolut schwarze, nebengeräuschfreie Bühne.
- 4. Love Me Or Leave Me (3:46)Etwas mehr Drive, etwas mehr Rhythmus. Hier zeigt Nikolaj Hess, wie perkussiv er spielen kann, ohne der Stimme den Platz zu nehmen. Schnelle Impulse, die eine gute Anlage sofort anspringen lassen müssen.
- 5. Smile (5:39)Chaplins Klassiker in einer herzzerreißenden Version. Die feinen Mikrodynamiken – das leise Ausklingen des Pianos, das sanfte Vibrato in Camerons Stimme – machen diese Nummer zu einem Gänsehaut-Garanten.
- 6. Out Of This World (3:36)Der Name ist Programm. Ein fast schon ätherischer Track, der die hervorragenden räumlichen Qualitäten des Sun Studios perfekt einfängt. Die Instrumentierung löst sich wunderbar von den Boxen.
- 7. Motherless Child (3:20)Die tiefe Verwurzelung von Etta Cameron im Gospel tritt hier gnadenlos zutage. So viel Schmerz, so viel Geschichte in gut drei Minuten komprimiert. Ein tiefer, resonierender Track, der unter die Haut geht.
- 8. God Bless The Child (3:53)Billie Holidays Meisterwerk, gesungen von einer Frau, die das Leben ebenso gezeichnet hat. Die Artikulation ist messerscharf eingefangen. Jeder Anschlag der Tasten hat genau das richtige Maß an Gewicht.
- 9. Careless Love (5:19)Eine wunderschön bluesige Nummer. Achtet hier auf die subtilen, tiefen Frequenzen und das perfekte Timing. Ein Track, der zum berühmten Fußwippen zwingt, sobald der Musikfluss einsetzt.
- 10. What Is This Thing Called Love (3:18)Cole Porter neu interpretiert. Etwas leichtfüßiger, aber klanglich genauso unbestechlich. Hier punktet die Aufnahme mit enormer Transparenz und einer perfekten Trennung der klanglichen Ebenen.
- 11. You Are My Sunshine (6:12)Ein normalerweise so fröhliches Lied wird hier in eine tiefgründige, nachdenkliche Ballade verwandelt. Ein epischer Abschluss mit über sechs Minuten Laufzeit, der einen sprachlos und mit dem unbedingten Bedürfnis zurücklässt, direkt wieder auf „Play“ zu drücken.
Fazit: Fangt an zu fühlen!
Was bleibt am Ende dieser über 50 Minuten musikalischen Ausnahmeleistung? Etta ist nicht einfach nur ein weiteres „audiophiles“ Jazz-Album, das man ins Regal stellt, um bei Besuch mal kurz die anspringende Dynamik oder die Räumlichkeit der eigenen Anlage zu demonstrieren. Es ist ein Werk, das uns HiFi-Enthusiasten unweigerlich den Spiegel vorhält. Es zwingt uns dazu, unsere analytische Brille abzusetzen.
Natürlich können wir uns über die mikroskopisch exakte Platzierung des Pianos im Raum freuen. Wir können die phasenlineare Meisterleistung bewundern, die im Sun Studio auf Band gebannt wurde. Und ja, wir können dank präziser DSP-Raumkorrektur, unendlicher Tap-Längen und penibel abgestimmter Frequenzweichen unseren Raum so lange entzerren, bis Camerons Stimme vollkommen losgelöst und verfärbungsfrei und authentisch vor uns steht. Wenn wir nach all diesem technischen Aufwand die Möglichkeit bekommt, die Augen zu schließen und den tiefen Schmerz, die Lebenserfahrung und die pure Seele in Titeln wie Motherless Child oder Smile zu fühlen, dann haben wir das eigentliche Ziel unseres Hobbys komplett erfüllt. Wer aber glaubt, er könnte mit dem nächsten Verstärker die Raumprobleme auslöschen will, mit Verlaub, interessiert Musik nicht. Der ist nur Gerätegeil!
Dieses Album ist ein Test – nicht für die Technik, sondern für uns als Hörer. Gebt euch der Musik hin. Lasst die Anlage einfach mal Anlage sein OHNE Raumeinflüsse. Etta macht keine Gefangenen, und genau das macht dieses Album zu einem zeitlosen Meisterwerk. Ein absoluter Pflichtkauf für jeden, der verstanden hat, dass High-End nur das Vehikel ist – und die Musik das einzige, wahre Ziel.