Pioneer S1EX TAD Lautsprecher im Test
Pioneer S-1EX: Der beste Tausch meiner HiFi-Karriere (und warum Sonus Faber gehen musste)
Vor einigen Wochen passierte etwas, das bei vielen in der HiFi-Szene wohl für blankes Entsetzen sorgen dürfte. Ein mir bekannter Händler hatte ein Paar Pioneer S-1EX im Angebot. Als ich diese Trümmer sah, zögerte ich nicht lange und machte ihm ein Tauschangebot: Meine Sonus Faber Guarneri Memento im direkten Tausch gegen die Pioneer. Ich höre den kollektiven Aufschrei der HiFi-Foren regelrecht bis hierher nach Leonberg schallen. Sicherlich gibt es unter euch diverse HiFi-User, die sich jetzt mit der flachen Hand an die Stirn fassen und rufen: „Wie kann man denn nur so wunderschöne, handgefertigte italienische Lautsprecher gegen solche Pioneer-Kisten tauschen?“
Die Frage lässt sich erschreckend leicht beantworten: Ich kann mit dem Weichspüler-Sound von Sonus Faber schlichtweg überhaupt nichts anfangen.
Viele jagen diesem sogenannten „audiophilen“ Klangbild hinterher, diesem warmen, schmeichelnden Ton. Aber machen wir uns nichts vor: Audiophil ist für mich nicht die Wahrheit, sondern oft einfach nur eine schöne Lüge. Ich will aber die Wahrheit. Ich brauche Lautsprecher, die ehrlich, absolut neutral und chirurgisch präzise sind. Ein Lautsprecher, der keinen schnellen, harten Impuls aus dem Nichts abbilden kann und stattdessen alles in italienisches Klang-Olivenöl taucht, ist für mich akustisch schlicht nicht geeignet. Deshalb bin ich verdammt froh, die Guarneri nicht mehr hier stehen zu haben.
Kurz gesagt: Das war der beste Tausch meiner gesamten HiFi-Karriere.
Was ist die Pioneer S-1EX eigentlich?
Um zu verstehen, warum dieser Tausch ein absolutes Upgrade war, muss man sich ansehen, was die Pioneer S-1EX wirklich ist. Wer hier an günstige Elektronikmärkte denkt, liegt meilenweit daneben. Die S-1EX, die Mitte der 2000er Jahre (ca. 2005/2006) auf den Markt kam, ist im Grunde ein Wolf im Schafspelz. Sie ist nichts Geringeres als ein verkappter TAD (Technical Audio Devices) Lautsprecher.
Federführend bei der Entwicklung in den Pariser und Tokioter Designstudios war kein Geringerer als Andrew Jones – eine absolute Legende im Lautsprecherbau. Pioneer hat hier das Know-how der hauseigenen High-End-Schmiede TAD in ein bezahlbareres (wenn auch damals mit rund 9.000 Euro Paarpreis immer noch teures) Gewand gepackt.
Technische Tiefe: Der Aufbau der S-1EX
Das Herzstück der S-1EX ist der CST (Coherent Source Transducer) Koaxial-Treiber, der direkt aus der TAD Reference-Entwicklung entlehnt wurde. Inmitten eines 14-cm-Magnesium-Mitteltöners sitzt exakt zentriert eine 3,5-cm-Beryllium-Hochtonkalotte. Beryllium wird wegen seiner extremen Steifigkeit und Leichtigkeit nur in der absoluten Referenzklasse verbaut – die Resonanzfrequenzen werden damit weit jenseits des menschlichen Hörbereichs (angegeben bis zu sagenhaften 100.000 Hz) verschoben. Durch diese konzentrische Bauweise entsteht eine perfekte Punktschallquelle. Zeitrichtiges, phasenstabiles Hören ohne Abstrahlprobleme (die typischen Off-Axis-Fehler) herkömmlicher Lautsprecher ist die direkte Folge. Getrennt wird das Ganze extrem sauber bei 400 Hz und 2.000 Hz.
Für das tonale Fundament sorgen zwei 18-cm-Tieftöner aus einem Aramid-Carbon-Verbundstoff (technisch sehr nah an den Treibern der teuren TAD-Modelle). Diese sind dank einer einteiligen Membrankonstruktion – also ohne aufgeklebte Staubschutzkalotte – unfassbar starr und brechen nicht aus. Das alles steckt in einem extrem massiven, nach hinten gewölbten Gehäuse (die sogenannte „Perfect Time Alignment Design“ Kurve). Die Gehäusewände bestehen aus mehrfach laminiertem MDF mit einer Materialstärke von 30 mm bis zu unglaublichen 100 mm an kritischen Stellen. Interne stehende Wellen haben in dieser festungsartigen Konstruktion keine Chance. Das Resultat: Über 66 Kilo Lebendgewicht – pro Stück!
Die kleinen Geschwister: S-2EX und S-3EX
Pioneer hatte damals übrigens auch kleinere Versionen im Programm, die eine Erwähnung wert sind. Die Pioneer S-2EX ist die Kompaktversion (Standmount/Regallautsprecher). Obwohl sie so bezeichnet wird, ist auch sie eine massive 3-Wege-Konstruktion, die über 28 kg pro Box wiegt. Sie nutzt exakt dieselbe elitäre CST-Einheit (Beryllium/Magnesium) wie die große S-1EX, muss im Basskeller allerdings mit nur einem statt zwei 18-cm-Aramid-Woofern auskommen.
Zudem gibt es noch die Pioneer S-3EX, einen etwas schmaleren Standlautsprecher (ca. 48 kg). Hier muss man als Käufer allerdings genau hinsehen: Während die S-1EX und S-2EX den sündhaft teuren Beryllium-Hochtöner nutzen, kommt in der S-3EX im Zentrum des CST-Treibers „nur“ eine Keramik-Graphit-Kalotte zum Einsatz. Dennoch profitiert auch sie klanglich enorm von der phasenrichtigen Abstimmung durch Andrew Jones.
Der Vergleich zu den TAD Schwergewichten im Netz
Dass die S-1EX nicht nur ein bisschen „TAD-inspiriert“ ist, sondern klanglich in der absoluten High-End-Liga wildert, zeigen zahlreiche Hörvergleiche erfahrener Nutzer im Internet. Sucht man beispielsweise im renommierten Audiogon-Forum nach Diskussionen und Vergleichen zur TAD Evolution-Linie (wie der TAD Evolution One / TAD-E1TX) und der S-1EX, wird schnell klar, welches Kaliber bei mir eingezogen ist.
Nutzer, die sowohl die S-1EX besaßen als auch die TAD E1TX (ein Lautsprecher, der neu in Regionen um die 30.000 Euro spielt), bestätigen dort immer wieder: Die S-1EX liefert mühelos 90 Prozent der Performance einer TAD Evolution 1. Ein genauerer Blick auf die Technik erklärt warum: Genau wie die S-1EX nutzt auch die sündteure TAD Evolution-Serie einen Magnesium-Mitteltöner (während die TAD Reference-Serie auch für den Mittelton auf reines Beryllium setzt). In diversen Erfahrungsberichten zur S-1EX auf Audiogon wird exakt das hervorgehoben, was TAD-Lautsprecher so berühmt macht: eine holografische, völlig losgelöste Bühne, eine schonungslose Auflösung und diese faszinierend unbestechliche tonale Balance. Ein langjähriger TAD- und Pioneer-Hörer fasst die klangliche DNA der EX- und Evolution-Serie in besagtem Forum perfekt zusammen: „Keine Weichzeichnung, keine gefällige Verfärbung. Sie reproduzieren sauber das, womit sie gefüttert werden.“
Die klangliche Wahrheit: Warum die Pioneer alles richtig macht
Wieso bin ich also so begeistert? Weil die Pioneer S-1EX absolut gnadenlos genau das liefert, was ich von einem Lautsprecher erwarte. Sie verfärbt nicht. Punkt. Wenn eine Aufnahme schlecht, spitz oder flach abgemischt ist, dann zeigt sie mir das erbarmungslos auf. Sie gibt mir die Möglichkeit, absolut neutral und realistisch zu hören. Keine Beschönigung, kein Weichzeichner.
Zudem spielt sie im Bassbereich wunderbar trocken und kontrolliert. Und wenn es das Material verlangt, kann sie unfassbar tief in den Frequenzkeller hinabsteigen und schiebt einem auch gerne mal die Couch in Richtung Wand. Sie hat eine unglaubliche dynamische Durchschlagskraft bei Transienten und Impulsen. Also exakt all die Dinge, bei denen eine Sonus Faber weinend zusammenbricht.
Für mich steht es jedenfalls nach ausgiebigen Hörsessions absolut fest: Die bleibt!
Technische Daten: Pioneer S-1EX
| Spezifikation | Details |
|---|---|
| Bauart | 3-Wege Bassreflex, Standlautsprecher |
| Hochtöner | 3,5 cm Beryllium-Kalotte (konzentrische Anordnung) |
| Mitteltöner | 14 cm Magnesium-Konus (konzentrische Anordnung) |
| Tieftöner | 2 x 18 cm Aramid-Carbon-Verbundstoff |
| Frequenzgang | 28 Hz – 100.000 Hz |
| Wirkungsgrad (2,83 V / 1 m) | 89,5 dB |
| Impedanz | 6 Ohm |
| Maximale Belastbarkeit | 200 Watt |
| Übergangsfrequenzen | 400 Hz / 2.000 Hz |
| Abmessungen (B x H x T) | ca. 422 x 1283 x 609 mm |
| Gewicht | 66,0 kg (pro Stück) |
Fazit
Wer sich der reinen Lehre des High-End verschrieben hat und nicht nur glänzende Statussymbole für das Wohnzimmer sucht, muss bereit sein, über den Rand der großen „audiophilen“ Marketing-Namen zu blicken. Der Tausch meiner Sonus Faber Guarneri Memento gegen die Pioneer S-1EX war ein radikaler Schnitt – weg vom verzeihlichen Schönklang, hin zur absoluten, manchmal unerbittlichen Wahrheit. Die S-1EX ist kein Lautsprecher, der schlechte Aufnahmen oder suboptimale Ketten gnädig kaschiert. Sie ist ein hochpräzises, massiv überdimensioniertes Messwerkzeug der TAD-Ingenieure, das einst im unauffälligeren Pioneer-Gewand auf den Markt kam. Wer bereit ist, diese absolute Ehrlichkeit im eigenen Hörraum zuzulassen, wird mit einer Dynamik, einer holografischen Abbildung und einer Impulstreue belohnt, die selbst bei brandneuen Lautsprechern jenseits der 25.000-Euro-Marke heute nur schwer zu finden ist. Ein absolutes Meisterstück.