Sabine vs. Eyring: Wer hat Recht?
RT60 Deep Dive: Warum Sabine vermutlich lügt und Eyring recht hat (HiFi & Studio Guide)
Ihr habt also eure Schröder-Frequenz mit meiner Mackern Audio Pro App berechnet (bravo!) und wisst jetzt: „Okay, obenrum muss ich den Nachhall drücken.“ Ihr klinkt auf den folgenden Link, startet „Mackern Audio Pro App“, tippt alles ein was relevant ist und staunt.
Ich muss euch leider enttäuschen: Wenn ihr ein Tonstudio oder einen ernsthaften HiFi-Hörraum baut, ist das Ergebnis dieses Rechners wahrscheinlich falsch. Willkommen in der wunderbaren Welt der Akustik-Formeln, wo der Standard nicht gut genug für unsere Ansprüche ist. Heute reden wir über zwei tote Männer: Wallace Clement Sabine und Carl F. Eyring. Der eine ist der Popstar der Akustik, den jeder kennt. Der andere ist der Typ, der eigentlich recht hat, wenn ihr es mit dem Klang ernst meint.
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Der Klassiker: Sabine (gut für Kirchen, schlecht für Goldohren)
Wallace Sabine ist der Vater der Raumakustik. Um 1900 hat er herausgefunden, wie man Nachhall berechnet. Seine Formel kennt jeder Akustiker auswendig, selbst wenn man ihn nachts um drei weckt:
Klingt super, oder? V ist das Volumen, A ist die gesamte Absorptionsfläche (also wie viel „Schallschluck-Zeug“ im Raum ist). Je mehr Absorber, desto kleiner der Bruch, desto kürzer der Hall.
Das Problem mit Sabine
Sabines Formel hat einen Haken: Sie geht davon aus, dass der Raum wenig Dämpfung hat (wie ein Konzertsaal, eine Kirche oder ein normales Wohnzimmer). Sie nimmt an, dass Schallenergie diffus und langsam abnimmt (Absorptionsgrad α < 0,2).
Aber jetzt kommt ihr ins Spiel:
Ihr seid HiFi-Enthusiasten oder Producer. Ihr wollt keinen Hall wie in einer Kirche. Ihr wollt Präzision. Ihr hängt Deckensegel auf, stellt Kantenabsorber in die Ecken und legt dicke Teppiche vor die B&W Lautsprecher. Sobald ihr den Raum stark dämpft, beginnt die Sabine-Formel zu spinnen. Sie sagt voraus, dass der Nachhall niemals Null erreichen kann, selbst wenn der Raum zu 100% aus Absorbern bestünde. Das ist physikalischer Unsinn.
Der Retter: Eyring (für die echten Mackern)
In den 1930ern kam Carl Eyring und sagte: „Moment mal, Wallace. Das passt so nicht.“
Eyring hat verstanden, dass Schall in kleinen, stark gedämpften Räumen nicht kontinuierlich stirbt, sondern schrittweise pro Reflexion Energie verliert. Wenn eine Schallwelle auf einen Absorber trifft, der 80% schluckt, ist nach einem einzigen Aufprall fast Ruhe. Sabine kapiert das nicht. Eyring schon.
Deshalb sieht die Eyring-Formel etwas böser aus, ist aber präziser:
Keine Panik. Atmet durch. Der Schlüssel liegt im Term ln(1 - α) (natürlicher Logarithmus).
Wenn α = 1 ist (ein schalltoter Raum, der 100% schluckt), wird der Nenner unendlich groß. Und wenn ich durch Unendlich teile, ist die Nachhallzeit Null. Genau das muss physikalisch passieren! Eyring bildet die Realität in euren optimierten Räumen korrekt ab. Deshlab nutzt mein App Mackern Audio Pro Online- Demo
Wann benutze ich was? (Der Praxis-Guide)
Hier unterscheidet sich der Laie vom Profi. Wählt eure Waffe weise:
1. Das normale Wohnzimmer (Lebendiger Raum)
Szenario: Parkett, Ledersofa, Fernseher, vielleicht ein Teppich. Es klingt „hell“.
→ Nehmt Sabine. Die Dämpfung ist gering. Die Abweichung ist minimal, und Sabine ist einfacher zu rechnen.
2. Der dedizierte HiFi-Raum (High-End Listening)
Szenario: Ihr habt euch einen Raum im Keller oder Dachgeschoss eingerichtet. Sessel im Sweetspot, Absorber an den Erstreflexionspunkten, Deckensegel. Ihr wollt die „Bühne“ hören, nicht den Raum.
→ Nehmt Eyring. Ihr habt hier oft einen Absorptionsgrad von über 0,3 oder 0,4. Sabine liegt hier falsch.
3. Das Studio / Vocal Booth (Trockener Raum)
Szenario: Nahfeldmonitore, viel Schaumstoff oder Mineralwolle. Ihr wollt eine „staubtrockene“ Akustik.
→ Nehmt Eyring (Pflicht!). Sabine würde sagen: „Du brauchst noch 5 Quadratmeter Absorber mehr“, obwohl Eyring weiß: „Passt schon, ist schon trocken genug.“
Beispiel aus der Hölle (Rechenbeweis)
Stellt euch eine kleine Regie oder einen trockenen HiFi-Raum vor. Durchschnittlicher Absorptionsgrad α = 0,5 (das ist viel!).
- Sabine rechnet: Er teilt einfach durch 0,5.
- Eyring rechnet: Er nimmt
-ln(1 - 0,5). Das ist-ln(0,5)≈ 0,69.
Das Ergebnis: Eyring kommt auf einen Wert im Nenner, der fast 40% höher ist als bei Sabine. Das bedeutet: Eure echte Nachhallzeit ist viel besser, als Sabine behauptet!
Fazit: Traue keinem Rechner, den du nicht selbst gefüttert hast
Wenn ihr im Internet diese einfachen „Wie viele Platten brauche ich?“-Rechner benutzt: Checkt, welche Formel die nutzen. Steht da nichts, ist es fast immer Sabine.
- Für das Wohnzimmer der Schwiegermutter? Okay.
- Für euren HiFi-Tempel oder das Studio? Müll.
Seid stolz auf euren inneren Nerd. Nutzt Eyring. Der natürliche Logarithmus beisst nicht – er sorgt nur dafür, dass eure Lautsprecher zeigen können, was sie wirklich draufhaben, ohne dass ihr den Raum tot-dämmt und nutzt meine App: Mackern Audio Pro Online- Demo
Fazit: Schluss mit dem „Viel hilft viel“
Wir haben jetzt tief in die mathematische Trickkiste gegriffen. Aber was heißt das konkret, wenn ihr gleich den Akkuschrauber in die Hand nehmt?
Die Wahl zwischen Sabine und Eyring ist keine akademische Korinthenkackerei. Sie entscheidet darüber, ob euer Raum am Ende lebendig und präzise klingt – oder ob ihr ihn versehentlich „totrechnet“.
1. Die Gefahr des „akustischen Sargs“
Das größte Risiko im Home-Studio und High-End-Bereich ist nicht mehr zu viel Hall, sondern zu viel Dämpfung. Viele Anfänger nutzen Sabine-Rechner, sehen, dass die Nachhallzeit angeblich noch zu hoch ist, und kaufen panisch mehr Absorber.
Das Ergebnis? Ein Raum, der so trocken ist, dass er auf den Ohren drückt. Ein Raum, der jede Energie aus der Musik saugt. Eyring zeigt euch früher: „Stopp! Es reicht. Der Raum ist trocken genug.“ Er bewahrt euch davor, die Akustik zu erwürgen.
2. Euer Geldbeutel dankt euch
Akustik-Module sind teuer. Basotect, Mineralwolle, Stoffbezüge – das läppert sich. Da Eyring bei starker Dämpfung eine effizientere Wirkung vorhersagt als Sabine, werdet ihr feststellen, dass ihr oft 10% bis 20% weniger Material braucht, um euer Ziel zu erreichen. Rechnet das mal in Euro um. Das ist das Budget für das nächste Mikrofon oder bessere Kabel.
3. Die „Goldene Regel“ der Praxis
Verlasst euch niemals blind auf eine Formel, egal wie schlau der tote Physiker war, der sie erfunden hat. Die Realität gewinnt immer.
- Planung: Nutzt Eyring, um abzuschätzen, wie viel Material ihr grob braucht.
- Umsetzung: Baut erst mal 70% der geplanten Absorber ein.
- Messung: Hört es euch an und messt nach (mit REW). Meistens seid ihr dann schon am Ziel.
Akustik ist ein Werkzeug, kein Selbstzweck. Wir wollen Musik hören, keine Sinustöne in einem schalltoten Bunker. Nutzt die Physik, um Fehler zu vermeiden, aber lasst eurem Raum (und eurer Musik) am Ende noch ein bisschen Luft zum Atmen.
In diesem Sinne: Weniger rechnen, mehr hören (und Eyring danken)!