Oded Tzur – Translator's Note

Oded Tzur – Translator’s Note

Oded Tzur – Translator’s Note: Die ungeschminkte Wahrheit auf dem Plattenteller

Ich weiß nicht genau, wann das passiert ist, aber nach einer Zeit habe ich mich tatsächlich im Jazz wiedergefunden. Und damit meine ich nicht zwingend das klassische Jazz, was aus den USA kommt und nach den immer gleichen Mustern gestrickt ist. Sondern dieses andere Jazz – fernab der typischen US-Klänge. Es ist dieses atmosphärische, eintauchende Jazz, wo man sich regelrecht drin verliert. Hier haben wir wieder so ein Album, das nicht nur kreativ ist, sondern die heimische High-End-Anlage endlich zu dem macht, was es eigentlich machen soll: die Musik so unverfälscht wie möglich abzuspielen. Das Album stammt aus dem Jahr 2017. Mir bleibt nichts anderes übrig als zu sagen, bitte anhören. Macht wirklich super Spaß und ist zudem herausragend aufgenommen.

Der Werdegang: Wenn das Saxophon zur Flöte wird

Oded Tzur ist kein gewöhnlicher Tenorsaxophonist. Wer sich blind vor die Anlage setzt, wird im ersten Moment irritiert sein. Tzur, in Tel Aviv geboren, hat eine musikalische Reise hinter sich, die in der Jazz-Welt ihresgleichen sucht. Er war auf der Suche nach einem ganz bestimmten Sound, einer Art fließendem Übergang zwischen den Noten, der auf einem klappengesteuerten Instrument wie dem Saxophon physikalisch eigentlich extrem limitiert ist.

Um diesen Klang zu finden, wandte er sich der klassischen indischen Musik zu. Tzur studierte jahrelang am Rotterdamer Konservatorium unter der Legende Hariprasad Chaurasia, einem Meister der indischen Bansuri-Flöte. Sein Ziel war es, die Mikrotöne, die feinen, stufenlosen Glissandi der indischen Musik, auf das westliche Tenorsaxophon zu übertragen. Das Resultat ist eine völlig neuartige Spieltechnik, die er selbst den „Middle Path“ nennt. Das Saxophon weint, es atmet, es gleitet durch die Frequenzen, als gäbe es keine festen Tonleitern mehr. Tzur hat sein Instrument buchstäblich neu erfunden, um die klangliche Lücke zwischen Ost und West zu schließen. Der Titel Translator’s Note ist also kein Zufall – es ist die Notiz eines Übersetzers zwischen zwei musikalischen Welten.

Das Quartett: Meister der Dynamik

Für ein solches musikalisches Konzept braucht man Mitstreiter, die nicht einfach nur einen Rhythmus vorgeben, sondern Räume schaffen können. Tzur hat sich für Translator’s Note ein Quartett der absoluten Extraklasse ins Studio geholt:

  • Shai Maestro (Piano): Maestro ist ein Phänomen an den Tasten. Er spielt nicht einfach Akkorde, er texturiert sie. Auf einer neutral abgestimmten Anlage hört man jeden Anschlag, jedes subtile Ausklingen der Saiten im Flügel. Er drängt sich nie in den Vordergrund, ist aber das harmonische Rückgrat des gesamten Albums. Man spürt bei ihm die jahrelange Erfahrung und das feine Gespür für dynamische Nuancen, die diese Aufnahme erst so lebendig machen.
  • Petros Klampanis (Bass): Der Kontrabass von Klampanis ist auf dieser Aufnahme eine absolute Wucht. Er knarzt, er schiebt tief hinab, aber er wabert nie. Ein echter Härtetest für die Basspräzision der eigenen Lautsprecher und die Raumakustik. Wer hier Moden im Raum hat, wird bestraft. Wer eine saubere Bedämpfung oder gute FIR-Filter nutzt, wird mit einem staubtrockenen, greifbaren Instrument belohnt, das man förmlich im Raum stehen sieht.
  • Ziv Ravitz (Drums): Ravitz ist der Maler unter den Schlagzeugern. Er nutzt die Becken nicht einfach nur für den Takt, sondern als atmosphärisches Gestaltungsmittel. Die Transienten seiner Snare- und Beckenschläge kommen messerscharf und extrem detailliert aus den Hochtönern – vorausgesetzt natürlich, die Kette ist schnell und ehrlich genug. Er lässt dem Saxophon und Piano den nötigen Raum und setzt Akzente, die sich wunderbar in das Gesamtklangbild einfügen.

Die Produktion: Tonstudio und die Frage der Abhörmonitore

Ein Album, das von subtilen Mikrotönen und feinster räumlicher Staffelung lebt, erfordert im Studio höchste technische Präzision. Translator’s Note ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine akustische Jazz-Produktion klingen muss, wenn der Toningenieur sein Handwerk versteht und die physikalischen Gegebenheiten respektiert.

Bei Produktionen dieser Güteklasse – aufgenommen wurde unter anderem im renommierten La Buissonne Studio – wird nichts dem Zufall überlassen. Das Geheimnis der Abmischung solcher ungeschönten Aufnahmen liegt schlicht im Abhörwerkzeug. Toningenieure, die solche akustischen Meisterwerke mischen, verlassen sich nicht auf färbende HiFi-Lautsprecher, die das Signal beschönigen. In den Regieräumen kommen fast ausschließlich kompromisslos neutrale Studiomonitore zum Einsatz.

Wir sprechen hier von großen ATC SCM-Systemen, PMC-Monitoren oder den großen koaxialen Genelec-Modellen. Diese Lautsprecher verzeihen nichts. Sie liefern exakt das, was das Mikrofon eingefangen hat. Keine angehobenen Bässe für mehr „Wärme“, keine gepushten Höhen für eine künstliche „Luftigkeit“. Sie bilden die ungeschminkte Wahrheit ab. Und genau diese Wahrheit wurde auf Translator’s Note gebannt. Der Raumklang, die Platzierung der Instrumente im Stereopanorama – alles ist präzise und greifbar, weil es auf Werkzeugen abgemischt wurde, die der Physik und nicht dem Marketing gehorchen. Das ist genau die Qualität, die wir zu Hause hören wollen, wenn wir unsere Anlagen richtig einstellen.

Die Tracks auf Translator’s Note – Eine klangliche Analyse

Titel Länge Anmerkung zur Wiedergabe
1. Single Mother 12:57 Ein Epos zum Einstieg. Tzur nutzt hier den gesamten Dynamikumfang. Die Stille zwischen den Tönen ist auf einer sauberen Anlage fast greifbar. Die Art, wie das Saxophon hier die Tonhöhen biegt, ist ein Lehrstück für Phasenstabilität.
2. Welcome 7:43 Das Zusammenspiel der Rhythmusgruppe ist hier zentral. Die Transienten der Beckenarbeit von Ziv Ravitz fungieren als hervorragendes Testmaterial für die Hochtonauflösung. Hier merkt man sofort, ob die Hochtöner präzise arbeiten oder nur verschmieren.
3. The Whale Song 7:35 Wie der Titel andeutet, geht es in die Tiefe. Petros Klampanis am Kontrabass sorgt für ein Fundament, das bei richtiger Aufstellung im Raum steht, statt nur zu dröhnen. Hier offenbart sich, ob das Bassmanagement im Raum funktioniert.
4. The Three Statements Of Garab Dorje 9:29 Ein fast meditatives Stück, das die klangliche Reinheit von Shai Maestros Piano-Spiel in den Fokus rückt. Ein Lehrstück für harmonische Präzision und das Ausklingen der Saiten.
5. Lonnie’s Lament 5:48 Oded Tzurs Interpretation des Coltrane-Klassikers. Ein wunderbarer Vergleichspunkt, um zu hören, wie hier eine eigene, moderne Identität ohne jede „audiophile“ Effekthascherei geschaffen wird.

Fazit: Die Wahrheit im Hörraum

Wenn man Translator’s Note in den CD-Player oder Streamer wirft und die Lautsprecher perfekt im Raum stehen, passiert etwas Magisches. Die Wände des eigenen Hörraums verschwinden. Das Saxophon von Oded Tzur steht felsenfest und mit fast unheimlicher Körperhaftigkeit zwischen den Boxen.

Dieses Album verlangt nach einer neutralen Kette. Eine Anlage, die selbst „Sound macht“, die dem Signal ihren eigenen, oft gefälligen „audiophilen“ Stempel aufdrückt, wird diese Musik zerstören. Die feinen Glissandi von Tzur und die filigrane Beckenarbeit von Ravitz brauchen eine schnelle, ehrliche und phasenrichtige Wiedergabe.

Wer seine Hausaufgaben in Sachen Aufstellung und Raumakustik gemacht hat – wer vielleicht sogar selbst mit FIR-Filtern arbeitet – bekommt hier ein musikalisches und klangliches Erlebnis der Sonderklasse serviert. Ein Meisterwerk, das Herz und Hirn gleichermaßen anspricht. Bitte anhören.