Revox Evolution
Revox Evolution: Wenn ein Jugendtraum Realität wird – Erfahrungsbericht & Test
Es gibt diese Momente im Leben eines HiFi-Verrückten, die brennen sich ins Gedächtnis ein wie eine heiße Lötspitze. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie mein Kumpel Daniele und ich damals als mittellose Jugendliche in Kirchheim unter Teck vor dem Schaufenster von Ton & Bild standen. Wir drückten uns buchstäblich die Nasen an der Scheibe platt.
Dahinter stand sie: Die Revox Evolution.
Schon damals war ich total auf HiFi fixiert. Ich wollte weg vom Plastikschrott, ich wollte etwas „Echtes“, etwas Schönes in meinem Jugendzimmer stehen haben. Doch die Realität sah anders aus: Mir blieb nichts anderes übrig, als mit einer dieser unsäglichen Sony-Kompaktanlagen vorliebzunehmen – ihr wisst schon, viel Blinken, wenig Klang. Daniele und ich philosophierten stundenlang darüber, wie diese Revox-Anlage wohl klingen muss. Wir hatten keine Ahnung, was wir erwarten sollten, aber in unserer Vorstellung war die Evolution ein magisches Artefakt, das unsere Hip-Hop-Tapes und CDs in sphärische Klangwelten katapultieren würde. Sie war unerreichbar. Ein Statussymbol.
Auch heute noch, Jahrzehnte später, laufe ich an Ton & Bild vorbei und bleibe kurz stehen. Der Laden von Georg und Matthias Kobler ist eine Institution. Es liegt mir fern, hier platte Werbung zu machen, aber Ehre, wem Ehre gebührt: Wenn ihr mal in Kirchheim seid, geht rein. Dort werdet ihr nicht von BWL-Justus empfangen, sondern von echten Typen, die ihr Metier verstehen und das Herz am rechten Fleck haben.
Die Wiedervereinigung: Ein Ausstellungsstück kehrt heim
Kommen wir zurück zur Evolution. Wie das Schicksal so spielt, habe ich meine eigene „Evo“ vor einiger Zeit erworben – interessanterweise im Paket mit einem Paar fantastischer JBL Ti 1000. Der Clou: Der Erstbesitzer hatte genau diese Anlage damals als Ausstellungsstück bei Ton & Bild gekauft.
Ich bilde mir jetzt natürlich gerne ein, dass es exakt das Gerät war, vor dem Daniele und ich damals standen und sabberten. Jetzt steht die gute „Kiste“ also endlich vor mir auf dem Tisch. Und ich muss zugeben: Ich staune immer noch.
Design und Haptik: Genialität mit kleinen Schönheitsfehlern
Das Konzept der Evolution war seiner Zeit weit voraus. Keine Kabelverhaue, keine wackeligen Cinch-Stecker zwischen den Komponenten. Die Module (Verstärker, Tuner, CD-Player, Tape) werden einfach aufeinandergesteckt und intern verbunden. Das ist Smart-HiFi, lange bevor es das Wort gab. Die Verarbeitung ist dabei typisch Revox: massiv, wertig, schwer. Das ist kein windiges Blech, das ist Schweizer Ingenieurskunst (auch wenn Revox im Schwarzwald produzierte).
Wie man auf den Bildern sehen kann, besteht mein Setup aus der Basiseinheit (Verstärker), dem Tuner und dem CD-Player. Das Kassettenmodul fehlte leider, aber das Konzept, die Anlage einfach erweitern zu können, indem man eine weitere Ebene „andockt“, ist bis heute genial.
Aber – und jetzt muss ich mackern:
Es gibt da eine Sache, die mich wirklich ärgert. Schaut euch mal die Beschriftung der Eingänge an. Bei zwei Tasten war schlichtweg nichts mehr zu lesen. Weg. Einfach abgerieben. Leute, wir reden hier von einer Anlage, die damals so viel kostete wie ein Kleinwagen! Wie kann man da am Druck sparen? Da lobe ich mir meine alten Japaner aus der Golden Era: Bei Accuphase, Sony Esprit oder den großen Sansuis wurde die Schrift graviert, gestanzt oder zumindest so hochwertig versiegelt, dass sie auch nach einem Atomkrieg noch lesbar wäre. Dass Revox hier den Rotstift angesetzt hat, ist bei diesem Preisanspruch eigentlich peinlich. Das wäre konsequenter gegangen.
Bedienung und Display: Ein Hauch von Zukunft
Abgesehen vom Schrift-Fauxpas lässt sich die Evolution traumhaft bedienen. Das riesige LCD-Display war für die 90er Jahre ein absoluter Meilenstein. Es zeigt alles an, was man wissen muss, ohne überladen zu wirken. Die Soft-Keys an der Seite korrespondieren mit den Anzeigen im Display – das ist intuitiv und smart. Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster: Würde Revox genau diese Anlage heute mit moderner Streaming-Technik und einem hochauflösenden OLED-Touchdisplay neu auflegen, wäre das ein bitterböser Konkurrent für Bang & Olufsen. Das Design ist zeitlos, fast architektonisch.
Der Klangcheck: Ernüchterung oder Realismus?
Kommen wir zur Gretchenfrage: Wie klingt der Jugendtraum denn nun? Um es kurz zu machen: Von der damals erhofften „Magie“ fehlt jede Spur. Versteht mich nicht falsch – es hört sich gut an. Richtig gut sogar. Es ist dieser typische, nüchterne, präzise Revox-Sound. Die Mitten sind sauber, die Höhen lösen fein auf, ohne zu nerven.
Aber der Bass? Da fehlt mir einfach der Punch. Der Verstärker in der Evolution ist solide, aber er ist kein Kraftwerk. Wer – wie ich – sonst gewohnt ist, seine Lautsprecher mit dicken Endstufen zu befeuern, die Trafos so groß wie Suppenteller haben, der vermisst hier den Druck, die Autorität, die „Eier“. Die Dynamik wirkt im Vergleich etwas gebremst. Aber vielleicht ist dieser Vergleich auch unfair und vermessen. Die Evolution war nie als Konkurrenz zu einer Vor-End-Kombi gedacht. Sie ist eine Lifestyle-Anlage für den gehobenen Wohnraum, nicht für den schalltoten Raum oder die Disko. Sie sollte gut aussehen und „nebenbei“ exzellent Musik spielen. Und das tut sie.
Fazit: Ein Bleiberecht aus Sentimentalität
Meine klanglichen Träume von damals wurden nicht zu 100% erfüllt. Wie sollte das auch gehen, nach all den High-End-Boliden, die ich in den letzten Jahren hören und besitzen durfte? Die Messlatte liegt heute einfach woanders. Dennoch: Die Revox Evolution wird bleiben. Nicht, weil sie die beste Anlage der Welt ist. Sondern weil sie ein Stück meiner Geschichte ist. Jedes Mal, wenn ich sie ansehe, denke ich an die Zeit mit meinem Bro Daniele, an unsere leeren Taschen und unsere großen Träume vor dem Schaufenster in Kirchheim. Und das, liebe Freunde, ist manchmal mehr wert als das letzte Quäntchen Klangqualität. In diesem Sinne…
Gesamttabelle – Revox Evolution
| Kategorie | Merkmal | Daten / Beschreibung |
|---|---|---|
| Prinzip | Gerätetyp | Modulare High-End Kompaktanlage |
| Module | Bestandteile (getestet) | Verstärker (Basis), Tuner, CD-Player (optional: Tape) |
| Leistung | Nennleistung (8 Ohm) | 2 x 100 Watt (Sinus) |
| Technik | Besonderheit | Kabellose Steckverbindung der Module (Bussystem) |
| Bedienung | Display | Großflächiges, hintergrundbeleuchtetes LCD mit Softkeys |
| Audio | Klangcharakter | Präzise, nüchtern, Revox-typisch neutral |
| Maße | Gewicht (Gesamt) | ca. 25-30 kg (je nach Modulanzahl) |
| Design | Stil | Zeitloses Industriedesign, schwarz-graues Finish |