TAD ME 1 High End Lautsprecher Test

TAD ME 1 High End Lautsprecher Test

TAD Micro Evolution One (ME1) im Test: Wenn der Kleinanzeigen-Jäger zur Beute wird

Vor einigen Monaten klingelte mein Telefon. Dran war ein Freund aus dem Norden – hi Adam! –, der mich mit der typischen Schnäppchenjäger-Nervosität in der Stimme fragte, ob ich mal eben in meiner Region ein paar Lautsprecher und HiFi-Geräte abholen könnte. Er hatte da gerade was auf Kleinanzeigen geschossen. Wie das so ist, wenn man selbst einen vollen Terminkalender hat: Leider konnte ich nicht so schnell reagieren. Zuerst meinte ich noch zu ihm, er solle den Verkäufer bitten, den Termin auf morgen zu verschieben, dann würde ich das erledigen.

Doch dann meldete sich mein Instinkt für den Haifischbecken-Markt der HiFi-Gebrauchtgeräte. Meine eindringliche Empfehlung an ihn lautete: Setz dich ins Auto und hol die Dinger heute noch selbst ab! Erstens war der Preis fast schon unverschämt günstig, und zweitens wissen wir alle, wie das läuft: Je länger man wartet, desto größer ist die Gefahr, dass irgendein Schlaumeier um die Ecke geschossen kommt, dem Verkäufer ungefragt einen Hunni mehr bietet und das Geschäft an sich reißt.

Das fand der Adam dann doch äußerst plausibel. Er warf den Motor an und fuhr los gen Süden. Nach der erfolgreichen Abholung kam er erst mal zu mir, mit dem Plan, eine Nacht hier zu übernachten, bevor er den Heimweg antritt. Und wenn man schon mal da ist, will man natürlich hören, was der Gastgeber so aufgefahren hat. Er wollte unbedingt meine Kette aus Jeff Rowland und der Dynaudio Confidence 5 hören.

Ich greife dem Ergebnis einfach mal vorweg: Er saß da und war schockiert. Nachdem die ersten Takte verklungen waren, drehte er sich zu mir um und meinte nur trocken:

„Ich habe alles erwartet, aber nicht das hier!“

Die schonungslose Wahrheit, die völlige Abwesenheit von audiophilem Weichzeichner – es ist eben immer wieder ein Erlebnis. Später am Abend packte ihn dann aber doch die Neugier, und er wollte seine frische Beute – die TAD ME1 – direkt gegen die C5 hören. Gesagt, getan. Lautsprecher umgeklemmt, Pegel angepasst, Play gedrückt.

Das Ergebnis? Für Adam war es ziemlich ernüchternd. Die ME1 konnte mit der Confidence 5 einfach nicht Schritt halten. Da taten sich leider massive Unterschiede auf, die alle gnadenlos zugunsten der C5 ausliefen. Die Souveränität, die Auflösung, die physische Präsenz im Raum – die Dynaudio spielte in ihrer eigenen Liga.

Aber: Halten wir an dieser Stelle mal ganz gepflegt die Kirche im Dorf! Erstens dürfen wir nicht vergessen, dass die Confidence 5 ein absoluter Ausnahmelautsprecher ist, der in seiner Konzeption und Treiberbestückung bis heute seinesgleichen sucht. Und zweitens: Die TAD ME1 ist, völlig unabhängig von diesem ungleichen Duell, einer der besten Kompaktlautsprecher, die ich bis dato in diesem Raum gehört habe. Grund genug, sich dieses japanische Schmuckstück einmal genauer anzusehen.

Die Idee: High-End auf kleinstem Raum

Um zu verstehen, was die ME1 (Micro Evolution One) eigentlich ist, muss man in die Geschichte von TAD (Technical Audio Devices) schauen. Die Luxusschmiede von Pioneer hatte sich mit ihren kühlschrankgroßen Reference-Modellen längst in den Olymp der Studiotechnik und des absoluten High-Ends gespielt. Dann kam die „Evolution“-Serie, die das Ganze wohnzimmertauglicher machen sollte, allen voran die CE1 (Compact Evolution One). Aber selbst die CE1 war noch ein ordentlicher Brocken.

Die Idee hinter der ME1 war also klar umrissen: Wie bekommen wir die DNA unserer sündhaft teuren Punktschallquellen-Technologie in ein Gehäuse, das den Namen „Kompaktlautsprecher“ auch wirklich verdient, ohne dabei die akustische Wahrheit zu opfern? Der Ansatz war, eine echte Drei-Wege-Konstruktion zu bauen, die auf einem Ständer eine so holographische und phasenstabile Bühne aufbaut, dass man unweigerlich anfängt, die großen Standlautsprecher im Raum zu suchen.

Die Umsetzung: Wann und Wie?

Verwirklicht wurde das Projekt und schließlich Ende 2016 / Anfang 2017 auf den Markt losgelassen. Was die Ingenieure da zusammengeschraubt haben, ist schlichtweg faszinierend und weit entfernt von dem üblichen MDF-Kisten-Wahnsinn, den man uns oft als High-End verkaufen will.

Das Herzstück ist der CST-Treiber (Coherent Source Transducer). TAD hat hier einen 9-cm-Mitteltöner aus Magnesium mit einem im Zentrum sitzenden 2,5-cm-Beryllium-Hochtöner verheiratet. Beryllium! Ein Material, das so schwer zu verarbeiten ist, dass viele Hersteller weinend abwinken, das aber akustisch durch seine enorme Steifigkeit und Leichtigkeit extrem späte Aufbruchsresonanzen bietet. Dieser Koaxial-Treiber arbeitet als echte Punktschallquellen-Konstruktion von 420 Hz bis hinauf auf schwindelerregende 60 kHz. Darunter werkelt ein 16-cm-Tieftöner aus einem mehrlagigen Aramid-Gewebe (MACC), der durch einen extrem starken Magnetantrieb an der kurzen Leine gehalten wird.

Ein technisches Highlight ist der Bi-Directional ADS (Aero-Dynamic Slot) Port. Anstatt einfach ein Bassreflexrohr auf die Rück- oder Vorderseite zu flanschen – was fast immer zu Strömungsgeräuschen und Mitteltonmüll aus dem Port führt –, hat TAD schmale Schlitze an den Gehäuseseiten integriert. Die Luft entweicht nach vorne und hinten, was das Gehäuse akustisch beruhigt und die Aufstellung in normalen Wohnräumen massiv erleichtert.

Die Zielgruppe: Für wen ist die ME1 gebaut?

Wer kauft so einen Lautsprecher, der preislich (wir sprechen hier von einem fünfstelligen Neupreis samt Ständern) manch ausgewachsenen Standlautsprecher in den Schatten stellt?

Die TAD ME1 richtet sich an den kompromisslosen Hörer, der vielleicht nicht den Platz für eine große Anlage hat, aber auf absolut nichts verzichten will. Es ist der Lautsprecher für Menschen, die in räumlich begrenzten Verhältnissen – sagen wir 15 bis 25 Quadratmeter – eine chirurgisch präzise Abbildung, unglaubliche Schnelligkeit und tonale Neutralität suchen. Die ME1 färbt nicht schön. Sie lügt dir nicht ins Gesicht, wie es so viele „audiophil“ abgestimmte Lautsprecher tun, um im Mittenbereich künstliche Wärme vorzugaukeln. Sie liefert das ab, was auf der Aufnahme ist. Punkt.

Fazit: Das Ende der Geschichte

Dass sie an jenem Abend gegen die Confidence 5 an den Jeff Rowland Endstufen den Kürzeren zog, ist keine Schande, sondern schlichtweg Physik und das Resultat unterschiedlicher Konzepte. Die C5 atmet anders, schiebt den Raum anders an und hat durch ihr spezielles Design eine Autorität, die ein solch kompakter Lautsprecher wie die TAD schlichtweg nicht generieren kann.

Dennoch hat Adam an diesem Tag alles richtig gemacht. Die TAD ME1 ist ein technisches Meisterwerk, fantastisch verarbeitet und klanglich auf einem Niveau, das 95 Prozent aller Kompaktlautsprecher am Markt alt aussehen lässt. Wenn man ihr den passenden, neutralen und vor allem strompotenten Verstärker an die Seite stellt, baut sie eine dreidimensionale Bühne auf, die einen fesselt. Man muss eben nur wissen, wo die Grenzen der Physik liegen – und wann man schnell genug ins Auto steigen muss, um den Kleinanzeigen-Deal seines Lebens zu machen.

Technische Daten: TAD Micro Evolution One (ME1)

Prinzip 3-Wege, Bassreflex (Bi-Directional ADS Port), Kompaktlautsprecher
Treiberbestückung Tiefton: 16 cm Aramid-Gewebemembran (MACC)
Mittel-/Hochton (CST-Koaxialtreiber): 9 cm Magnesium-Konus / 2,5 cm Beryllium-Kalotte
Frequenzgang 36 Hz – 60.000 Hz
Übergangsfrequenzen 420 Hz / 2.500 Hz
Wirkungsgrad (2,83 V / 1 m) 85 dB
Nennimpedanz 4 Ohm
Maximale Belastbarkeit 150 Watt
Abmessungen (B x H x T) 251 mm × 411 mm × 402 mm
Gewicht 20,0 kg (pro Stück)