Streitfall Verstärker Dynamik: Techniker vs. Goldohren – Wer hat recht?
„Hört endlich auf mit der Dynamik!“ – Ein technischer Wutausbruch auf dem Prüfstand
In der HiFi-Welt gibt es Themen, die verlässlich für volle Kommentarspalten und hochrote Köpfe sorgen. Eines davon ist der schwammige Begriff der „Dynamik“. Neulich bin ich über eine Aussage gestolpert, die so herrlich provokant und gleichzeitig so technisch-nüchtern war, dass sie eine genauere Analyse verdient.
Ein Techniker auf YouTube ließ folgenden Dampf ab:
„Nochwas: Hört doch bitte endlich mal auf mit der ‚Dynamik‘! Solange in der Übertragungskette keine Baugruppen verwendet werden mit nichtlinearer Transferkennlinie (Begrenzer, Kompressoren, Expander oder extrem übersteuerte Magnetbänder) gibt es keine Einschränkungen der Dynamik! Wenn auf dem Tonträger z.B. 45 dB Dynamik sind, bleiben es 45 dB, nicht mehr und nicht weniger. Ich habe den Eindruck, daß viele nicht recht wissen, was man unter ‚Dynamik‘ versteht, sowohl im technischen als auch im musikalischen Sinn.“
Puh. Das sitzt.
Die Aussage ist klar: Ein Verstärker verstärkt. Punkt. Er macht nicht leiser und nicht lauter (relativ gesehen). Wer „mehr Dynamik“ hört, bildet sich das ein oder hat keine Ahnung von Physik. Aber ist es wirklich so einfach? Hat der Mann recht, oder übersieht er in seinem heiligen Zorn auf das Voodoo-Marketing ein paar entscheidende physikalische Realitäten? Wir machen den Faktencheck. :-)
Runde 1: Wo der Techniker recht hat (Und warum wir ihm zuhören sollten)
Fangen wir damit an, dem Verfasser Recht zu geben. Denn rein elektrotechnisch betrachtet, hat er einen validen Punkt.
Die Lüge vom „komprimierenden“ Kabel
In der High-End-Welt wird oft behauptet, bestimmte Kabel, Stecker oder Sicherungen würden die Dynamik „bremsen“. Das ist, mit Verlaub, elektrotechnischer Unsinn. Ein Kabel ist ein passives Bauteil. Es hat keine „Transferkennlinie“, die sich wie ein Studio-Kompressor verhält. Es macht leise Töne nicht lauter und laute Töne nicht leiser. Es dämpft vielleicht alles gleichmäßig (Widerstand) oder filtert Frequenzen (Kapazität/Induktivität), aber es ändert nicht das Verhältnis zwischen laut und leise.
Der lineare Arbeitsbereich
Auch Verstärker und DACs arbeiten heute extrem linear. Solange ein Transistorverstärker nicht ins Clipping fährt (also an seine Leistungsgrenze stößt und die Spitzen abschneidet), verstärkt er stur linear. Aus 0,1 Volt werden 1 Volt, aus 1 Volt werden 10 Volt. Das Verhältnis (die Dynamik) bleibt erhalten.
Der wahre Feind: Der Loudness War
Der Techniker hat auch damit recht, dass das Gejammer über die Dynamik der Anlage oft absurd ist, wenn man sich die Aufnahme ansieht. Moderne Pop/Rock-Produktionen sind oft so plattkomprimiert („Loudness War“), dass sie nur noch 5 bis 8 dB Dynamikumfang haben. Da kann die Anlage noch so gut sein – wo keine Dynamik ist, kann sie auch keine herzaubern.
Bis hierhin: 1:0 für den Techniker.
Runde 2: Der Realitäts-Check (Wo die Physik zurückschlägt)
Jetzt kommt das „Aber“. Und es ist ein großes Aber. Die Aussage „Wenn auf dem Tonträger 45 dB sind, bleiben es 45 dB“ ist theoretisch korrekt, solange wir uns im Bereich der reinen Spannungssignale bewegen. Sobald wir aber echte Physik, Strom, Hitze und Mechanik ins Spiel bringen, bröckelt die These gewaltig.
Hier sind die Faktoren, die unsere Dynamik sehr wohl killen – ganz ohne Kompressor-Bauteil.
1. Der Dynamik-Killer Nr. 1: Thermische Kompression (Power Compression)
Das ist der Punkt, den reine Elektroniker oft vergessen, weil er erst nach dem Verstärker passiert, nämlich im Lautsprecher. Lautsprecher sind furchtbar ineffiziente Maschinen. Sie wandeln ca. 98% der Energie in Wärme um und nur 2% in Schall. Was passiert bei einem lauten Paukenschlag?
- Der Verstärker schickt viel Strom durch die Schwingspule.
- Die Spule erhitzt sich blitzschnell.
- Kupfer hat die Eigenschaft, seinen elektrischen Widerstand zu erhöhen, wenn es heiß wird (positiver Temperaturkoeffizient).
- Der Widerstand steigt, also fließt (bei gleicher Spannung vom Verstärker) plötzlich weniger Strom.
- Weniger Strom bedeutet weniger Kraft auf die Membran, bedeutet weniger Schalldruck.
Das Ergebnis: Der Verstärker liefert linear ab, aber der Lautsprecher kann das nicht 1:1 umsetzen. Er wird bei Pegelspitzen relativ gesehen leiser. Das nennt man Power Compression. Aus den 45 dB auf der CD kommen im Raum vielleicht nur noch 42 dB an, weil der Lautsprecher bei den Spitzen „zu macht“. Das ist eine knallharte, physikalische Dynamikeinschränkung.
2. Das Grundrauschen (Dynamik von unten)
Dynamik ist definiert als der Abstand zwischen dem lautesten Signal und dem Störgeräusch (Signal-to-Noise Ratio). Wenn ich eine Kette habe, in der z.B. eine Röhrenvorstufe munter vor sich hin rauscht oder ein schlechtes Netzteil brummt, dann verliere ich Dynamik am unteren Ende. Die feinsten Details der Aufnahme (das leise Ausklingen eines Raumes, das Atmen des Sängers) saufen im Rauschteppich ab. Auch hier gilt: Die 45 dB sind auf der CD drauf, aber am Ohr kommen effektiv nur 35 dB an, weil die unteren 10 dB im Rauschen verschwinden.
3. Headroom und Netzteil-Stabilität
Die Aussage des Technikers gilt nur, „solange keine Baugruppen verwendet werden mit nichtlinearer Transferkennlinie“. Das Problem ist: Jeder Verstärker wird unlinear, wenn ihm der Saft ausgeht. Ein dynamischer Impuls (z.B. eine Snare-Drum) braucht für Millisekunden extrem viel Leistung. Ein schwachbrüstiges Netzteil kann den geforderten Strom vielleicht nicht schnell genug liefern. Die Spannung bricht ein. Das Signal wird zwar nicht hart abgeschnitten (Clipping), aber „weich“ abgerundet. Auch das ist eine Form von Kompression. Ein Verstärker mit massivem Headroom und stabilen Netzteilen wirkt deshalb „dynamischer“ – einfach weil er die Spitzen wirklich linear durchzieht, wo andere schon in die Knie gehen.
Runde 3: Die Psychoakustik (Makro vs. Mikro)
Zu guter Letzt müssen wir über Begriffe reden. Der Techniker spricht von Makrodynamik (der Unterschied zwischen ganz leise und ganz laut). Wir HiFi-Nerds meinen aber oft Mikrodynamik (Feindynamik), wenn wir von einem „dynamischen Gerät“ sprechen.
- Wie schnell folgt der Verstärker einem Signalsprung (Slew Rate)?
- Wie abrupt kann der Lautsprecher stoppen, wenn das Signal vorbei ist?
- Höre ich das Zupfen der Gitarrensaite deutlich heraus, auch wenn der Bass gerade donnert?
Ein Gerät kann einen perfekten Frequenzgang haben und trotzdem „lahm“ klingen, weil es Transienten (Impulse) verschleift – sei es durch Phasenfehler, schlechte Dämpfungsfaktoren oder träge Membranen. Das Gehirn interpretiert „schnelle Attacke“ als Dynamik. Ein Lautsprecher, der Impulse perfekt zeitrichtig wiedergibt, knallt subjektiv mehr als ein träger und billiger Tieftöner, selbst wenn beide laut Messschrieb 90dB Pegel machen.
Fazit: Recht hat er. Und auch nicht.
Die Aussage des Technikers ist ein wichtiger Weckruf gegen Voodoo und Esoterik. Es gibt keine „magische“ Dynamik, die durch ein vergoldetes Steckergehäuse entsteht. Und ja, 90% der Dynamikprobleme liegen heute an der Aufnahme, nicht an der Hardware.
Aber zu behaupten, die Hardware hätte gar keinen Einfluss auf die Dynamik, solange nichts clippt, ist zu kurz gesprungen. Es ignoriert die thermische Realität von Lautsprechern, das Grundrauschen der Elektronik und die psychoakustische Wirkung von Impulstreue.
Also: Lasst uns aufhören, Dynamik in Kabeln zu suchen. Aber lasst uns nicht aufhören, Verstärker mit stabilen Netzteilen und Lautsprecher mit geringer Power Compression zu fordern. Denn genau dort entscheidet sich, ob die 45 dB der Aufnahme dich im Sofa fesseln oder nur laut berieseln.