Dynaudio Crafft im Test

Dynaudio Crafft im Test

Dynaudio Crafft – die Studiomonitor Legende

Vor einigen, oder besser gesagt, vor vielen Jahren hatte ich mal ein paar schwarze Dynaudio Crafft Lautsprecher. Wie ich an die ran kam? Eine dieser Geschichten, die man eigentlich nur mit drei Bier am Tresen glaubt: Ich habe sie in einem sehr guten Zustand direkt auf dem Flohmarkt aus dem Staub gezogen. Der optische Zustand war zum Glück gut, und – das Wichtigste für jeden Dynaudio-Jünger – die Hochtöner hatten auch keine Dellen oder vergleichbares. Wer den Esotar T330D kennt, weiß: Jede Falte in der Seide ist ein Stich ins Herz.

Doch der Preis, den ich auf dem Flohmarkt hätte bezahlen müssen, war alles andere als normal. Aber nach einer längeren und durchaus beharrlichen Argumentationen war schließlich der Verkäufer weichgeklopft und ich konnte diese zwei kleinen Wunderzwerge mit nach Hause nehmen. Doch die Angst, dass eine oder mehrere Chassis nicht funktionierten, war allgegenwärtig und meine Gedanken drehten sich nur noch um das eine.

Zuhause angekommen, musste ich natürlich erstmal die Bedürfnisse der besseren Hälfte stillen. Müll entsorgen, einkaufen, den Kindern was vorlesen, Lego Star Wars aufbauen und so weiter und so fort. Als das alles nun erledigt war und ich mich Richtung Anlage bewegte, sprach die bessere Hälfte mich wieder an mit dem Satz: „Schatz ich gehe mit der Luna gassi, magst du mit?“. Natürlich nicht! Aber wie soll es auch anders sein? Ich musste mit der Luna dann alleine gassi.

Hintergrund: Warum die Crafft gebaut wurde

Bevor wir zum Sound kommen, müssen wir kurz klären, was wir hier eigentlich vor uns haben. Die Crafft wurde 1989 eingeführt und war Dynaudios erster dedizierter Referenz-Monitor für den Studioeinsatz. Das Ziel der Dänen war extrem ambitioniert: Sie wollten einen Nahfeldmonitor schaffen, der maximale Präzision liefert, ohne die typischen Ermüdungserscheinungen billiger Studio-Tröten. Dynaudio wollte die absolute Wahrheit am Mischpult hörbar machen, aber dabei die audiophilen Gene, für die sie im Hifi-Sektor berühmt waren, nicht opfern. Es ging um eine kompromisslose Performance auf kleinstem Raum, die den Grundstein für die spätere Professional-Serie legte.

Der Moment der Wahrheit

Wie auch immer. Zwei Stunden später schloss ich diese tollen Dinger an und konnte weder meinen Ohren noch meinen Augen trauen. Die Dynaudio Crafft spielt völlig unabhängig ihrer Größe und das sowas von. Die Crafft erzeugt eine Holographie in den Raum zu zaubern, die ich persönlich von weit aus größeren Dynaudios, zum Beispiel einer Confidence 5, kenne. Sie hat ebenfalls eine Monitorcharakteristik, aber verliert die audiophilen Gene nicht.

Das bedeutet: Du hast eine unfassbare Tiefe, Breite, hohe und nach vorne spielende Ader, die in dieser Größe von keinem mir bekannten Box erfüllt wird. Bis auf eine Confidence 3 vielleicht. Die Bässe sind unfassbar sauber und auf den Punkt und über die Höhen brauchen wir eh nicht reden. Die Esotar 330D ist und bleibt eh eine Legende. Eine herausragende Eigenschaft zudem ist, das die Unterschiede zwischen verschiedenen Verstärker und auch die Veränderungen in der Kette deutlich hörbar werden.

Technische Daten: Dynaudio Crafft

Kategorie Merkmal Spezifikation
Allgemeines Hersteller Dynaudio, Dänemark
Modellreihe / Bauzeit Crafft (ab ca. 1989)
Konzept Referenz-Studiomonitor für Nahfeld
Gewicht 10,9 kg pro Stück
Bauweise Typ 2-Wege Monitor (Bassreflex)
Hochtöner Esotar T330D (28 mm Gewebekalotte)
Tieftöner 17 cm MSP mit 75 mm Aluminium-Schwingspule
Audio Frequenzgang 38 Hz – 22.000 Hz (± 3 dB)
Wirkungsgrad 86 dB (2.83V/1m)
Impedanz 4 Ohm
Besonderheiten OCOS-Anschlüsse, Pegelanpassung Rückseite

Mein Fazit: Ausführlich und Ehrlich

Um es hier an dieser Stelle auch etwas näher zu bringen: Für mich gehört die Crafft zu den besten kompakten Lautsprechern der Welt. Punkt! Wer glaubt, dass man für eine echte Wand aus Sound mannshohe Türme im Wohnzimmer braucht, der hat diese Box noch nie gehört. Was Dynaudio hier Ende der 80er abgeliefert hat, war kein bloßes Produktmarketing, sondern eine Machtdemonstration. Die Crafft ist der lebende Beweis dafür, dass Physik zwar Grenzen hat, man diese Grenzen aber verdammt weit nach hinten verschieben kann, wenn man einfach die feinsten Zutaten aus dem Regal nimmt und in ein Gehäuse steckt, das steif ist wie ein Tresor.

Es ist diese seltene Mischung. Auf der einen Seite hast du die unbestechliche Präzision eines Studiomonitors. Sie zeigt dir jeden Fehler in der Aufnahme, jedes Knacken im Gebälk und jede Nuance im Atem des Sängers. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – sie tut das, ohne dir dabei auf den Sack zu gehen. Sie bleibt musikalisch. Sie hat diese audiophile Seele, die dich stundenlang vergessen lässt, dass du eigentlich nur Technik testest. Diese Tiefe und diese holographische Bühne, die sich weit über die physischen Grenzen der Boxen hinaus aufspannt, ist in dieser Größenklasse schlichtweg eine Anomalie. Aber Achtung: Die Crafft ist keine Box für „nebenbei“. Wenn du sie an einen schwachbrüstigen 08/15-Verstärker hängst, verhungert sie dir kläglich. Sie braucht Strom, sie braucht Kontrolle und sie will einen Verstärker, der genauso ehrlich ist wie sie selbst. Erst wenn die Kette stimmt, zeigt sie dir diesen trockenen, staubfreien Bass und diese seidigen Esotar-Höhen, für die andere Leute heute fünfstellige Beträge hinlegen.

Solltet ihr jemals in die Situation kommen – ob beim Händler, in den Kleinanzeigen oder durch so einen absurden Flohmarkt-Zufall wie bei mir –, ein Paar Craffts in gutem Zustand zu ergattern: Fackelt nicht lange. Schlagt zu, schleppt sie heim, erledigt den Kram mit der Frau, geht zur Not mit dem Hund und dann setzt euch hin. Es gibt nur wenige Lautsprecher, die dich nach so vielen Jahren im Hifi-Zirkus noch so nachhaltig beeindrucken können wie dieser kleine schwarze Monitor. Für mich bleibt sie eine Legende, die auch Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen viele moderne High-End-Konstruktionen im Regen stehen lässt. Aber nicht um jeden ausgerufenen Preis! Bei aller Liebe sollte man natürlich auch nicht vergessen, das diese Lautsprecher schon über 30 Jahre alt sind!

5 Mackern-Tipps zur Aufstellung der Dynaudio Crafft

  • Wandabstand: Da die Reflexöffnungen vorne sitzen, ist sie unkritischer als Boxen mit rückseitigem Rohr. Trotzdem: Für die volle „Holographie“ gönn ihr mindestens 30-40 cm Luft nach hinten.
  • Ständerwahl: Pack die 11 kg auf schwere, sandgefüllte Ständer. Hochtöner auf Ohrhöhe ist Pflicht.
  • Einwinkeln: Fang mit direkter Ausrichtung auf die Schultern an. Wenn die Mitte zu scharf ist, dreh sie langsam stückweise nach außen.
  • Verstärker: 86 dB Wirkungsgrad lügen nicht. Die Crafft braucht Saft und Kontrolle. Ein stabiler Amp macht den Bass erst richtig trocken.
  • Raumsymmetrie: Die Crafft bildet extrem präzise ab. Gleiche Abstände zu den Seitenwänden sind hier wichtiger als bei vielen anderen Boxen.