Refex Port mit Schaumstoff Stopfen schließen?
Bassreflexloch verstopft = Geschlossene Box? Von wegen! (Ein HiFi-Mythos im Check)
Alle meine Stammleser wissen ja, dass ich mich in diversen WhatsApp-HiFi-Gruppen bewege. Unter anderem in einer ganz besonders lieb gewonnenen Truppe, bei der uns die Themen einfach niemals ausgehen. Wir besprechen dort wirklich alles, was mit unserem geliebten Hobby HiFi zu tun hat – vom Netzstecker bis zur Nadel. Im Moment diskutieren wir ein Thema, das so alt ist wie der Lautsprecherbau selbst: Lautsprecher mit Reflexöffnungen versus geschlossene Lautsprecher.
Für mich steht es dabei völlig außer Frage: Man muss seinen eigenen Raum verstehen und sich erst dann für die richtigen Lautsprecher entscheiden. Ein Lautsprecher – der muss ja gar nicht mal besonders groß sein – mit Reflex-Ports regt den Raum völlig anders an als ein geschlossener Lautsprecher. Um es mal griffig auf den Punkt zu bringen: Der geschlossene Lautsprecher nutzt den Raum, während ein Reflexport-Lautsprecher den Raum anregt. Dieses Praxiswissen haben natürlich auch die klugen Köpfe bei Herstellern wie Dynaudio oder Tannoy. Sie legen ihren Reflexboxen ab Werk oft diese feinen, kleinen Schaumstoff-Stopfen (oft auch „Bungs“ genannt) bei, um die Reflexöffnungen bei Bedarf dichtzumachen. Aber die spannende Preisfrage, die wir gerade in der Gruppe wälzen, lautet: Werden die Lautsprecher durch das Einsetzen dieser Stopfen eigentlich zu „echten“ geschlossenen Lautsprechern?
Spoiler-Alarm: Nein, werden sie nicht. Und warum uns die Physik da einen Strich durch die Rechnung macht, dröseln wir jetzt mal ganz entspannt auf.
1. Das Gehäuse und die liebe Physik (Thiele-Small)
Wenn ein Konstrukteur eine Bassreflexbox entwirft, greift er tief in die Kiste der sogenannten Thiele-Small-Parameter. Ein Chassis, das für ein Bassreflexgehäuse gebaut wurde, hat ganz andere Parameter (vor allem die Gesamtgüte Qts und das Äquivalenzvolumen Vas) als ein Chassis, das für eine geschlossene Box (Acoustic Suspension) gezüchtet wurde.
Das Bassreflexgehäuse ist mitsamt dem Volumen und der Länge des Rohrs (Helmholtz-Resonator) exakt auf den Treiber abgestimmt. Stopfen wir da jetzt unseren Schaumstoff rein, kappen wir die Luftzirkulation und verändern schlagartig die akustische Abstimmung. Der Bass fällt unterhalb der Resonanzfrequenz nun zwar sanfter ab (mit 12 dB pro Oktave statt der steilen 24 dB einer Reflexbox), aber es gibt ein Problem: Das Gehäusevolumen, das für die Reflexabstimmung perfekt berechnet war, ist für eine „echte“ geschlossene Box in der Regel schlichtweg zu groß! Das System ist nun bedämpft („overdamped“). Das ergibt zwar einen wunderbar trockenen, schlanken und schnellen Bass, aber es ist eben keine perfekt auf den geschlossenen Betrieb abgestimmte Konstruktion mit der rechnerischen Idealgüte, die ein Entwickler gebaut hätte, wenn von Tag eins an „Geschlossen“ auf dem Bauplan gestanden hätte.
2. Die Frequenzweiche spielt mit!
Jetzt wird es richtig spannend, denn wir dürfen bei all der Gehäuse-Diskussion niemals die Frequenzweiche vergessen! Besonders Dynaudio ist weltberühmt für seine exzellenten Filter erster Ordnung, also Weichen mit einer extrem flachen Flankensteilheit von nur 6 dB pro Oktave, die für ein perfektes Phasenverhalten sorgen.
Das Ding ist: Eine passive Frequenzweiche ist keine Einbahnstraße, sie arbeitet direkt mit der Impedanzkurve des Chassis zusammen. Eine offene Bassreflexbox hat im Tieftonbereich eine ganz charakteristische „Doppelhöcker“-Impedanzkurve. Eine geschlossene Box hat hingegen nur einen einzigen, massiven Impedanz-Höcker auf der Resonanzfrequenz. Wenn wir den Port verstopfen, verändern wir den mechanischen Widerstand und bügeln diese Impedanzkurve des Tieftöners massiv um. Da gerade diese flachen 6-dB-Weichen von Dynaudio hochsensibel auf Impedanzschwankungen reagieren, verändert der Schaumstoff-Stopfen nicht nur das Luftpolster im Gehäuse, sondern das Chassis verhält sich elektrisch anders gegenüber der Weiche. Das beeinflusst die elektrische Dämpfung und den Phasengang im Übernahmebereich. Es ändert sich also nicht nur der Bassdruck, sondern das gesamte elektrische Schwingverhalten des Systems im unteren Bereich.
3. Warum machen Dynaudio und Tannoy das dann?
Wenn es also am Ende keine waschechte geschlossene Box wird, warum packen uns die Dänen und Schotten das Schaumstoff-Zubehör dann überhaupt in den Karton? Weil sie clevere Praktiker sind! Die Ingenieure wissen ganz genau, dass nicht jeder von uns einen akustisch perfekten Raum mit drei Metern Freistand für die Boxen besitzt. Diese Stopfen sind bei Dynaudio und Tannoy fest in die Entwicklung einkalkuliert. Sie fungieren als puristische, mechanische Raum-Equalizer.
Wenn die Box im heimischen Wohnzimmer zu nah an der Wand oder in der Ecke steht und der Bassreflex-Port den Raum zu stark „anregt“ (Stichwort: fieses Dröhnen und fette Raummoden), dann ist der Stopfen der Retter in der akustischen Not. Er drosselt die unkontrollierte Raumanregung, nimmt dem Bass den blähenden Bauch und sorgt dafür, dass der Lautsprecher den Raum eben nur noch „nutzt“. Es ist ein bewusst gesetzter, meisterhaft einkalkulierter akustischer Kompromiss zur Raumanpassung. Ein grandioses Tuning-Tool für den Alltag – aber eben keine magische Verwandlung in eine völlig andere Gehäuse-Philosophie.
Der technische Vergleich auf einen Blick
| Merkmal | Echte Bassreflexbox | Echte Geschlossene Box | Reflexbox mit Stopfen (Bedämpft) |
|---|---|---|---|
| Gehäusevolumen | Exakt auf den Port (Helmholtz-Resonator) berechnet. | Kompakter, nutzt die Luft als harte Feder für das Chassis. | Für eine ideale geschlossene Abstimmung in der Regel zu groß. |
| Flankensteilheit (Roll-off) | 24 dB pro Oktave (steiler Abfall). | 12 dB pro Oktave (sanfter Abfall). | ~12 dB pro Oktave (fällt sanfter ab, beginnt aber früher). |
| Impedanzkurve | Charakteristischer Doppelhöcker im Tieftonbereich. | Ein einzelner, massiver Höcker auf der Resonanzfrequenz (fc). | Ein Höcker, aber durch den Strömungswiderstand stark bedämpft (flacher). |
| Zusammenspiel mit Weiche (z.B. Dynaudio 6dB) | Optimal, da Filter und Impedanzverlauf aufeinander abgestimmt sind. | Optimal (wenn das System ab Werk so konzipiert wurde). | Verändert! Das elektrische Phasen- und Schwingverhalten verschiebt sich. |
| Bass-Charakteristik | Tief, druckvoll, neigt bei Wandnähe stark zu Raummoden (Anregung). | Trocken, extrem präzise und impulstreu. | Schlanker, kontrollierter, weniger Tiefbass-Punch – rettet die wandnahe Aufstellung. |
In diesem Sinne: Bleibt experimentierfreudig und versteht euren Raum!