Was ist Floor Bounce und was es mit deiner HiFi-Anlage anstellt

Was ist Floor Bounce und was es mit deiner HiFi-Anlage anstellt

Der Elefant im Hörraum: Warum Raumakustik der Endgegner ist (und wie uns die Hersteller austricksen)

ich wildere jetzt schon verdammt lange im Bereich HiFi und High End. Und wenn man ehrlich ist, machen wir Verrückten doch alle exakt denselben Leidensweg durch. Jede verdammte Phase nehmen wir mit. Als Neuling steht man noch ehrfürchtig vor den ersten ordentlichen Kisten, aber irgendwann – es ist unausweichlich – verfällt man dem Tuning-Wahn.

Man jagt der Illusion hinterher, aus der heimischen Anlage auch noch die letzten 2 % herauszuquetschen. Plötzlich geht es nicht mehr um Musik, sondern um die richtige Kabellage. Silber, Kupfer, kryogenisiert, von Jungfrauen bei Vollmond geflochten – you name it. Dann kommen Netzfilter, handgeklöppelte Feinsicherungen, Schwingungsdämpfer für den CD-Player und neuerdings die absolute Speerspitze der audiophilen Neurose: LAN-Aufbereitung. Audiophile Netzwerk-Switches mit externen 5000 Euro Clocks. Da massieren wir Einsen und Nullen, in der Hoffnung, dass Diana Krall dadurch endlich auf unserem Schoß sitzt.

Aber während wir Hunderte oder Tausende Euros in LAN-Kabel und Netzstecker versenken, verfallen die meisten einem fatalen Irrglauben: Sie denken, der Raum sei kein so wichtiges Thema. Oder zumindest eines, das man ignorieren kann, wenn die Anlage nur teuer genug ist. Freunde der gepflegten Unterhaltung, lasst euch sagen: Der Raum ist das Thema. Es ist die mit Abstand wichtigste Tuning-Maßnahme, die man überhaupt treffen kann. Physik lässt sich nicht mit sauerstofffreiem Kupfer bestechen.

„Bitte versteht mich nicht falsch. Eine gesonderte Betrachtung des Stromes und Maßnamen diese zu optimieren, halte ich für total Sinnvoll. Verschiedene Kabel ebenfalls anzuschauen, sehe ich als unkritisch. Aber alles im realistisch monetärem Rahmen!“

Die Entwickler bei den Lautsprecherherstellern wissen das natürlich. Die sitzen in ihren schalltoten Räumen und wissen ganz genau, dass ihre Babys später in unseren halligen Wohnzimmern, umstellt von Ledercouches und Glastischen, performen müssen. Sie kalkulieren unsere Wohnräume bei der Konstruktion knallhart mit ein. Ein Riesenproblem, das die Ingenieure um den Schlaf bringt und das endlich in das Bewusstsein von uns HiFi-Usern gerückt werden muss, ist der sogenannte Floor Bounce (die Bodenauslöschung). Kurz zur Erinnerung für alle, die in Physik geschlafen haben: Der Bass wird abgestrahlt, trifft auf den Fußboden und knallt von dort mit leichter Verzögerung an unser Ohr. Dort trifft dieser reflektierte Schall auf den Direktschall. Und weil die beiden phasenverschoben sind, gibt es auf einer bestimmten Frequenz im Grundton eine gigantische Auslöschung. Ein akustisches schwarzes Loch. Da nützt auch der 10.000-Euro-Verstärker nichts, wenn sich der Schall physikalisch in Luft auflöst.

Und genau hier zeigt sich, wer im Lautsprecherbau wirklich seine Hausaufgaben gemacht hat. Die Hersteller greifen nämlich ganz tief in die physikalische Trickkiste, um dieses Problem zu umgehen. Und da führen viele Wege nach Rom – oder eben zum perfekten Klang. Schauen wir uns die genialen Schachzüge mal schonungslos im Detail an.


1. Der „Bass-auf-dem-Dach“-Ansatz (Dynaudio, Quadral)

Nehmen wir mal Dynaudio Confidence 5, die Compound Modelle (oder früher auch Quadral bei den alten Titan- und Vulkan-Schränken). Da hat man sich gewundert: Warum zur Hölle bauen die den Tieftöner nach ganz oben? Wenn der Bass oben sitzt, wird der Weg zum Fußboden drastisch verlängert. Der Floor Bounce – also diese fiese Auslöschung – wandert dadurch frequenztechnisch so weit nach unten, dass er aus dem kritischen Grundtonbereich verschwindet. Die Musik behält ihren Körper, Stimmen bleiben voluminös.

Und jetzt kommt der geniale Taschenspielertrick: Verliert der Lautsprecher da nicht massiv an Tiefbass durch die fehlende Bodenankopplung? Nein! Dynaudio lässt die Bässe bei vielen dieser Modelle absichtlich recht früh ausrollen – zum Beispiel schon sanft ab 47 Hz. Auf dem Papier liest sich das enttäuschend. Aber im Wohnzimmer schlägt dann der „Room Gain“ (Druckkammereffekt) zu. Die Wände verstärken die ganz tiefen Frequenzen massiv. Der fallende Frequenzgang der Box und der ansteigende Bass-Boost unseres Raums kreuzen sich zu einer perfekten, linearen Kurve. Sie umgehen den Floor Bounce im Grundtonbereich und lassen unser eigenes Wohnzimmer völlig kostenfrei den Tiefbass übernehmen. Chapeau! Selbst bei den Neuren Modelle Dynaudios, sitzen recht weit oben. 

2. Die radikale Tieferlegung: Boundary Coupling (YG Acoustics & Co.)

Andere Hersteller wie beispielsweise YG Acoustics oder viele Konstrukteure moderner Standlautsprecher machen exakt das Gegenteil: Sie setzen den Bass ganz nach unten. Und auch das ist kein Zufall, sondern pure Berechnung.

Anstatt die Reflexion zu vermeiden, wird sie hier voll ausgenutzt. Indem die Basschassis so extrem nah wie möglich am Boden platziert werden (oft nur wenige Zentimeter über der Bodenplatte), wird der Wegunterschied zwischen Direkt- und Reflexionsschall so verschwindend klein, dass die rechnerische Auslöschung erst bei sehr hohen Frequenzen stattfinden würde. Der Clou? In diesen hohen Frequenzen arbeitet der Tieftöner längst nicht mehr; die Frequenzweiche hat das Zepter schon längst an den Mitteltöner übergeben, der sicher weiter oben sitzt.

  • Der fette Bonus: Durch diesen Halbraum-Strahler-Effekt steigt der Wirkungsgrad im Bass um bis zu 6 dB. Man bekommt also massiv Pegel und Punch völlig umsonst, einfach durch geschickte Platzierung.

3. Die akustische Zange: Die D’Appolito-Anordnung (MTM)

Manche schwören auf die Symmetrie. Bei der D’Appolito-Anordnung werden die Mitteltöner oder Tiefmitteltöner exakt symmetrisch über und unter dem Hochtöner in die Schallwand geschraubt.

  • Der Effekt: Hier wird die Physik der Schallbündelung ausgenutzt. Diese Treiber-Anordnung schnürt die Abstrahlung in der Vertikalen zusammen. Der Lautsprecher strahlt gewissermaßen wie eine dicke Taschenlampe nach vorn zum Hörplatz, aber viel weniger Energie knallt an die Decke oder auf den Fußboden. Die Interferenzmuster der Treiber löschen sich unter steilen Winkeln nach oben und unten gegenseitig aus, bevor sie den Boden überhaupt nennenswert anregen können. Weniger Reflexion = weniger Floor Bounce.

4. Die Schrotflinten-Taktik: Multiple Bass-Arrays

Warum einen riesigen Tieftöner nehmen, wenn man auch viele kleine haben kann? Hersteller wie McIntosh, Piega oder die Entwickler großer Line-Arrays verbauen einfach mehrere kleinere Chassis, die vertikal über die gesamte Frontplatte verteilt sind.

  • Der Effekt: Jeder einzelne dieser kleinen Tieftöner hat einen anderen Abstand zum Boden. Das bedeutet, jeder Tieftöner erzeugt seinen eigenen kleinen Floor Bounce bei einer völlig anderen Frequenz. Anstatt also ein riesiges, tiefes Loch im Grundton zu haben, hat man viele winzige Einbrüche, die sich in der akustischen Summe am Hörplatz gegenseitig ausbügeln. Das Resultat ist ein unfassbar glatter und linearer Frequenzgang.

5. Der gezielte Querschläger: Downfire-Systeme

Anstatt den Bass nach vorne zu feuern und zu hoffen, dass der Raum gnädig ist, lassen einige Konstrukteure das Bassreflexrohr oder direkt das ganze Tieftonchassis knallhart nach unten gegen die eigene Bodenplatte strahlen.

  • Der Effekt: Der Boden wird hier gezwungenermaßen als Teil der akustischen Schallführung integriert. Der Konstrukteur gibt den genauen Abstand zur Bodenplatte (durch die Spikes oder den Sockel) ab Werk fest vor. Das sorgt für eine 100 % kontrollierte Ankopplung und verhindert unvorhersehbare Überraschungen, egal ob der Lautsprecher auf Laminat, Teppich oder Fliesen steht.

6. Die digitale Keule: DSP und aktive Entzerrung

Wir leben in modernen Zeiten. Die Raumakustik bleibt zwar ein Biest, aber bei aktiven Lautsprechern hat man mittlerweile die Elektronik auf Steroiden mit an Bord.

  • Die Lösung: Ein digitaler Signalprozessor (DSP) misst den Raum ein. Man muss hier ehrlich bleiben: Gegen eine echte physikalische Auslöschung (ein Nullpunkt) kann auch der teuerste DSP nicht einfach blind anpumpen – das würde nur die Chassis grillen. Aber er kann Frequenzen drumherum anpassen, die Phase manipulieren oder die Raumakustik in den tieferen Regionen so knallhart korrigieren, dass die negativen Effekte der Bodenreflexion geschickt kaschiert werden.

Fazit

Ihr seht also: Die Konstrukteure würfeln nicht, wenn sie entscheiden, wo die Treiber auf der Frontplatte landen. Sie kämpfen mit allen Mitteln der Physik gegen unseren Wohnraum. Ob der Bass nun wie bei Dynaudio unter der Decke hängt, bei YG den Boden küsst, in einer D’Appolito-Zange steckt oder als Array gestapelt wird – es hat immer einen verdammt guten Grund.

Wer also das nächste Mal wieder überlegt, ob der neue highendige LAN-Switch für 800 Euro das Bassfundament strafft, sollte vielleicht erst mal überlegen, was sein Raum eigentlich mit dem Schall anstellt. Beschäftigt euch mit eurem Raum, nutze meinen Akustik und Raumplaner Mackern Physics Lab  und versteht die Konzepte, die in eurem Wohnzimmer stehen. Das bringt hundertmal mehr als das dickste Silberkabel.

In diesem Sinne: Bleibt kritisch, schiebt eure Boxen durch die Bude und hört mehr Musik statt überteuerte LAN Switches.