Optimierungswahn vs. Hörvergnügen: In welcher Reihe sitzt du?
Der HiFi-Wahnsinn: Von Goldohren, dem Akustik-Mackern und der Magie der dritten Reihe
Wer sich in die Welt des High-End-Audios wagt, merkt schnell: Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Hobby, Raketenwissenschaft und liebevollem Wahnsinn. Ich spreche da aus Erfahrung. Seit gut einem Jahr bin ich täglicher Zeuge – und manchmal stiller Beobachter – in einer ausgewachsenen HiFi-WhatsApp-Gruppe. Was man da quasi im Liveticker mitbekommt, ist nichts Geringeres als die emotionale und finanzielle Evolution diverser Leidensgenossen, die ihre heimische Kette verzweifelt auf die magischen 100 Prozent prügeln wollen.
Wenn man dieses Biotop eine Weile beobachtet, kristallisieren sich recht schnell zwei Lager heraus. Da haben wir auf der einen Seite die Fraktion mit den scheinbar völlig unerschöpflichen Ressourcen. Da wechseln für eine Anlage auch gerne mal 500.000 Euro den Besitzer – ein Budget, für das andere Leute gepflegte Mehrfamilienhäuser bauen. Auf der anderen Seite gibt es die Jungs, die die Sache vordergründig etwas „bewusster“ angehen. Sie durchforsten mit Adleraugen den Gebrauchtmarkt, wägen ab, vergleichen – und landen am Ende des Tages trotzdem bei geschmeidigen 10.000 bis 40.000 Euro aufwärts. Man gönnt sich ja sonst nichts.
So könnte ich ewig weitermachen, aber eine Geschichte aus dieser Truppe ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Die von unserem Uli. Uli ist die personifizierte Besonnenheit. Ein HiFi-Enthusiast, der das Thema strategisch angepackt hat, anstatt einfach nur blind Scheine auf das Problem zu werfen. Sein erster Schritt? Nicht etwa das teuerste Lautsprecherkabel der Welt, sondern das Fundament: der Raum. Er hat sein Zimmer so lange akustisch behandelt, bis die Nachhallzeiten brav auf deutlich unter 400 Millisekunden abtauchten. Wer schon mal versucht hat, das in einem normalen Wohnraum hinzubekommen, weiß, das er bald Obdachlos ist weil die bessere Hälfte den ganzen Kinderkram nicht länger mitmachen will.
Von dieser gesunden Basis aus ging es bei Uli dann Stück für Stück an die Feinheiten. Eine konsequente Optimierung des LAN-Netzwerks hier, eine blitzsaubere Stromversorgung da. Und das Ergebnis? Uli hat sich eine Anlage ins Zimmer gezaubert, die in Summe vielleicht bei 30.000 Euro liegt und damit einer echten 500K-Kette auf dem Papier natürlich nicht ebenbürtig ist. Aber – und das ist der springende Punkt – diese Anlage hat dem stolzen Besitzer eines solchen 500.000-Euro-Boliden beim Probehören eine derartige Gänsehaut über den ganzen Körper gejagt, dass ihm fast die Worte fehlten.
Als Außenstehender in dieser Gruppe verfolge ich solche Momente mit einem breiten Schmunzeln. Denn es deckt sich absolut mit meinen eigenen Erfahrungen. Wenn ich zu Hause meine C5 anwerfe, befeuert von der wunderbaren Jeff Rowland Verstärkung, dann weiß ich ganz genau: Auch diese Kombination ist in der Lage, echte Magie auszulösen. Selbst bei einem Menschen, der hauptberuflich Musiker ist und eigentlich eine halbe Million Euro in Form von HiFi-Geräten in seinem Wohnzimmer stehen hat. Es braucht nicht immer den Preis eines Sportwagens, um die Seele der Musik freizulegen.
Genau diese Gedanken schwirrten mir heute durch den Kopf, als ich mit einem anderen Audio-Bro am Telefon hing. Wir philosophierten über diesen ganzen Optimierungswahn, und plötzlich formte sich eine Metapher in meinem Kopf, die den Nagel eigentlich ziemlich genau auf den Kopf trifft. Stellt euch einfach ein klassisches Konzert vor:
Der Besitzer der 500K-Anlage hat sich das VIP-Ticket für die allererste Reihe in der Mitte gesichert. Der bekommt absolut alles mit. Der hört nicht nur das Orchester in völliger Perfektion, der hört sogar, wie der Kontrabassist in einem unachtsamen Moment ganz leicht mit seinem Knie an den hölzernen Korpus seines Instruments stößt. Das ist die absolute, ungefilterte Informationsflut. Unser Uli mit seiner 30.000-Euro-Anlage sitzt tiefenentspannt in der dritten Reihe. Er hat einen grandiosen, einhüllenden Klang. Den kleinen Rempler mit dem Knie am Kontrabass? Den bekommt er nur noch als diffuse, leise Nuance mit. Aber stört ihn das? Wohl kaum. Die Wucht des Konzerts trifft ihn genauso direkt ins Herz.
Ich finde, dieses Bild zeichnet unsere HiFi-Qualitätsstufen wunderbar weich und verständlich nach. Es gibt hier nämlich überhaupt kein „richtig“ oder „falsch“, auch wenn in Foren gerne mal das Gegenteil behauptet wird. Letztendlich ist es doch so: Auch der Mensch, der in der allerletzten Reihe des Konzertsaals sitzt, wird die Musik in vollen Zügen mitbekommen. Er wird den Rhythmus spüren, er wird grinsen und womöglich einfach anfangen zu tanzen. Und ganz ehrlich: Genau darum geht es doch am Ende des Tages, oder?
Guter Artikel.
Schon soo lange ist bekannt, was den Klang eine Stereoanlage WIRKLICH Verbessert. Aber wir, die wir uns für soo klug halten, wir nehmen es nicht an. Wie lange gibt es schon aktive Lautsprecher? In Tonstudios Standard, bei uns daheim aber die Ausnahme. Wie lange gibt es schon akustisch optimierte Hörräume? In Tonstudios normal, bei uns aber nicht. Wie lange schon werden in Studios die Abhörlautsprecher auf den Raum eingemessen? Ebanfalls ein alter Hut, bei uns ist das aber verpönt, weil: das beeinflusst den reinen Klang, mach das nicht! Dass jedes normale Wohnzimmer ZUERST den Klang JEDES Lautsprechers massiv verändert: Wer weiss es? Wer versteht es? So ist es halt. Es fehlt an Wissen.