Intermodulationsverzerrung (IMD) – Der unterschätzte Klangfaktor bei Verstärkern
Der stille Klangkiller: Warum Intermodulationsverzerrung (IMD) wichtiger ist als die THD-Lüge
Was sagt uns der Messwert wirklich? Eine Abrechnung mit dem Marketing.
Freunde der guten Akustik, Tacheles: Wer sich ernsthaft mit Verstärkern beschäftigt, stolpert früher oder später über das Kürzel IMD (Intermodulationsverzerrung). Klingt trocken, ist es physikalisch auch, aber für eure Ohren ist es entscheidend.
Wir kennen das Spiel: In den Hochglanzprospekten der Hersteller wird mit THD-Werten (Total Harmonic Distortion / Klirrfaktor) geprotzt, die so viele Nullen nach dem Komma haben, dass einem schwindelig wird. „0,0001% Klirr!“ schreit das Marketing. Und wir sollen glauben, dass das automatisch „perfekten Klang“ bedeutet.
Bullshit.
THD wird meist mit einem statischen 1-kHz-Sinuston gemessen. Aber wer von euch hört zu Hause Sinustöne? Niemand. Wir hören Musik. Und Musik ist Chaos. Sie besteht aus Impulsen, Transienten, tiefen Bässen, die gleichzeitig mit feinen Beckenschlägen auftreten. Genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Ein Verstärker, der bei einem Sinuston glänzt, kann bei komplexer Musik kläglich versagen. Der Indikator dafür ist die IMD.
Was ist Intermodulation überhaupt? (Physik für Macker)
Stell dir vor, dein Verstärker muss zwei Töne gleichzeitig wiedergeben (was bei Musik der Normalzustand ist): Einen tiefen Bass (60 Hz) und eine hohe Frauenstimme (7 kHz).
- Ein idealer Verstärker gibt beide Töne unverändert aus.
- Ein realer Verstärker mischt die beiden ungewollt.
Es entstehen sogenannte „Mischprodukte“ (Summen- und Differenztöne). Plötzlich hast du Töne im Signal, die da nicht hingehören. Das Schlimme daran: Diese neuen Töne sind oft nicht harmonisch zum Musiksignal. Während THD (harmonische Verzerrung) oft als „warm“ oder „fett“ empfunden wird (siehe Röhrenverstärker), klingt IMD für das menschliche Gehirn immer falsch, rau und dissonant.
Wie macht sich IMD im Klang bemerkbar?
IMD ist tückisch, weil man es nicht sofort als „Verzerrung“ wie bei einer übersteuerten Gitarre wahrnimmt. Es äußert sich subtiler, aber nerviger:
- Der „Vorhang“-Effekt: Die Musik verliert an Transparenz. Es liegt ein grauer Schleier über dem Klangbild.
- Verlust der Räumlichkeit: Die Ortung von Instrumenten verschwimmt. Aus einer präzisen Bühne wird eine Klangwolke.
- Das „Glasige“: Hohe Frequenzen (Becken, S-Laute) klingen nicht seidig, sondern scharf, metallisch und anstrengend.
- Der Bass-Matsch: Wenn es untenrum rumpelt, verschwinden obenrum die Details.
Wenn ihr nach 30 Minuten Musikhören genervt leiser dreht („Listening Fatigue“), ist oft ein hoher IMD-Wert schuld, nicht die Lautsprecher.
Wie wird gemessen? (SMPTE vs. CCIF)
Weil ein einzelner Sinus nichts bringt, nutzen Profis Stresstests:
- SMPTE-Methode: Man nimmt einen lauten tiefen Ton (60 Hz) und einen leiseren hohen Ton (7 kHz). Dann schaut man, ob der tiefe Ton den hohen moduliert (ihn quasi „zittern“ lässt).
- CCIF-Methode: Man nimmt zwei sehr hohe Töne dicht beieinander (z.B. 19 kHz und 20 kHz). Wenn der Verstärker schlecht ist, entsteht im hörbaren Bereich bei 1 kHz ein Differenzton, der da nichts zu suchen hat.
Die unbequeme Wahrheit: Warum schweigen die Hersteller?
Ganz einfach: IMD sieht auf dem Papier oft scheiße aus.
Viele moderne Verstärkerkonzepte (besonders günstige Class-D-Module oder Verstärker mit extrem hoher Gegenkopplung/Feedback) sind darauf getrimmt, den THD-Wert auf dem Papier gegen Null zu drücken. Das sieht im Prospekt toll aus. Aber diese aggressive Gegenkopplung kann bei schnellen Impulsen zu dynamischen Verzerrungen führen. Der THD ist niedrig, aber sobald Musik läuft, steigen die IMD-Werte an.
Es gibt uralte Verstärker aus den 80ern mit 0,1% Klirr, die „musikalischer“ klingen als moderne Boliden mit 0,001% Klirr. Warum? Weil die alten Kisten oft ein gutmütigeres IMD-Verhalten hatten (weniger aggressive Filter, einfachere Schaltungen).
| Kategorie | Ursache | Auswirkung auf den Klang |
|---|---|---|
| Die IMD-Quellen | Nichtlineare Bauteile | Transistoren arbeiten außerhalb ihres „Wohlfühlbereichs“ (Linearität). Das passiert oft, wenn am Netzteil gespart wurde. |
| Schlechte Gegenkopplung | Zu viel „Global Feedback“ macht den Sinus schön, aber das Musiksignal tot (TIM – Transient Intermodulation). | |
| Lautsprecher-Last | Ein Lautsprecher mit fieser Impedanz zwingt den Amp in die Knie -> IMD steigt massiv an. | |
| Die Gegenmittel | Class-A Technik | Transistoren sind immer „an“. Maximale Linearität, kaum IMD (aber heiß und teuer). |
| Hubraum (Netzteil) | Ein stabiles Netzteil verhindert, dass die Spannung bei Bass-Impulsen einbricht. Das hält die IMD unten. | |
| Breitbandiges Design | Verstärker, die weit über 20 kHz linear arbeiten, haben im hörbaren Bereich weniger Phasenprobleme und IMD. |
Tabelle: Was ist ein „guter“ Wert?
Da Hersteller selten damit rausrücken, hier eine Orientierung für Tests (z.B. von Stereophile oder AudioScienceReview):
| IMD-Wert | Bewertung | Kommentar |
|---|---|---|
| < 0,005 % | Referenzklasse | Unhörbar. Absolute Schwärze im Hintergrund. Hier finden wir High-End Class-AB, gute Class-A und Top-Tier Class-D (Purifi, Hypex, Jeff Rowland). |
| 0,005 % – 0,01 % | Sehr gut | Audiophiler Standard. Solide Ingenieurskunst. |
| 0,01 % – 0,1 % | Durchschnitt | Bei komplexer Musik kann es „eng“ werden. Typisch für AVR-Receiver oder günstige HiFi-Amps. |
| > 0,1 % | Kritisch | Hörbare Verfärbung („Rauheit“). Das Klangbild wirkt unruhig. Oft bei billigen Chip-Amps oder Röhren (dort aber oft als „Charakter“ akzeptiert). |
Exkurs: Röhren vs. Transistor vs. Class-D
Ein Wort zur Ehrenrettung der Röhre: Röhrenverstärker haben oft katastrophale Messwerte (sowohl THD als auch IMD). Trotzdem lieben wir sie. Warum? Weil ihre Verzerrungen oft „weicher“ einsetzen (Soft Clipping) und unser Gehirn sie als weniger störend empfindet.
Bei Transistoren und besonders bei digitalen Amps gilt aber: IMD muss runter! Harte Transistor-Verzerrungen sind akustische Körperverletzung.
Das große Mackern-Fazit: IMD ist Pflicht, nicht Kür
Kommen wir zum Punkt. Wenn ihr euch das nächste Mal einen Verstärker kauft, lasst euch nicht von den Nullen hinter dem Komma beim Klirrfaktor (THD) blenden. Das ist Marketing für Anfänger.
Wer Musik nicht nur hören, sondern fühlen will, muss auf Intermodulation achten.
Ein Verstärker mit niedrigem IMD-Wert ist wie eine frisch geputzte Fensterscheibe. Du merkst erst, wie dreckig die alte war, wenn du durch die neue schaust. Plötzlich stehen Instrumente frei im Raum. Der Bass überdeckt nicht mehr die Mitten. Du kannst leise hören und trotzdem alles verstehen. Du kannst laut hören, ohne dass dir die Ohren bluten.
Meine Empfehlung:
- Sucht nach unabhängigen Messungen. Wenn ein Hersteller IMD-Werte verschweigt, hat er oft was zu verbergen.
- Achtet auf das Netzteil. Ein schwerer Amp ist oft ein guter Amp. Stromstabilität ist der natürliche Feind von IMD.
- Habt keine Angst vor Class-D, aber kauft Qualität. Module von Jeff Rowland, NAD (mit Purifi/Hypex) oder Lyngdorf haben das IMD-Problem gelöst. Billige China-Kracher oft nicht.
Am Ende des Tages ist IMD der Unterschied zwischen „Hifi-Anlage“ und „High-End-Erlebnis“. Es ist der Parameter für Ehrlichkeit. Und wir wollen doch alle nur eines: Die ehrliche, nackte Musik.
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