The White Buffalo – Year of the Dark Horse
The White Buffalo – Year of the Dark Horse: Ein musikalischer Ritt, der Zeit braucht
In unserer Lieblings-WhatsApp-Gruppe tauschen wir uns bekanntermaßen nicht nur über HiFi-Gedanken und philosophische Ansichten zur klanglichen Wahrheit aus, sondern werfen uns auch regelmäßig Schnäppchen und Musiktipps zu. Schließlich kennt man ja nicht alles und ist als Jäger und Sammler immer froh, etwas Neues zu entdecken. Ich für meinen Teil bin absolut nicht genreabhängig. Bei mir läuft im Grunde alles – außer Heavy Metal. Mir ist es allerdings elementar wichtig, dass man bei der Entstehung eines Albums Wert auf die Produktion gelegt hat. Sprich: Die Aufnahmen sollten und müssen eine gewisse handwerkliche Qualität mitbringen. Wenn die Tonalität nicht stimmt oder das Mastering dynamikbefreit totkomprimiert wurde, nützt das beste Songwriting nichts.
Nun kam der Uli – der musikalisch ebenfalls extrem breit aufgestellt ist – um die Ecke und teilte den Titel „She Don’t Know That I Lie“ mit uns. Seine Zusatzinfo: In diesem Song passiert jede Menge. An dieser Stelle muss man zur Einordnung unbedingt hinzufügen, wie der Uli so hört. Der Mann nennt ein Paar Magico S3, befeuert von Mark Levinson 436 Monoblöcken, einen Linn SystemHub und eine Trinnov ST2 sein Eigen. Das ist eine Kette, die keine Gefangenen macht und absolute Neutralität liefert. Wenn er über dieses Setup keine Mikrodetails wahrnimmt, dann nimmt das schlichtweg niemand wahr. Darüber hinaus hört er durch die Trinnov-Einmessung auch noch absolut phasenrichtig, was der räumlichen Abbildung und zeitlichen Präzision die Krone aufsetzt.
Wie auch immer. Ich mag den Titel, den Uli da so treffsicher hervorgehoben hat. Aber ich muss an dieser Stelle auch unumwunden zugeben: Man muss dieses Album einige Male komplett durchhören, bis es richtig Klick macht. So ging es jedenfalls mir. Es ist kein Fast-Food für die Ohren, sondern ein echtes Menü.
Der Mann hinter dem Büffel: Jake Smith
Hinter dem majestätischen Pseudonym The White Buffalo verbirgt sich der amerikanische Singer-Songwriter Jake Smith. Geboren im rauen Eugene, Oregon, und aufgewachsen im sonnigen Huntington Beach, Kalifornien, ist sein Lebenslauf alles andere als die typische Musik-Wunderkind-Geschichte. Smith war ein Spätzünder. Erst mit 19 Jahren kaufte er sich seine erste Gitarre, während seiner College-Zeit begann er, eigene Songs zu schreiben und dazu zu singen.
Was sofort auffällt und sein absolutes Markenzeichen is: diese wuchtige, kratzige und tiefe Bariton-Stimme. Eine Stimme, die nach Whiskey, Lagerfeuer und gelebtem Leben klingt. Smith hat sich über die Jahre einen Ruf als exzellenter Geschichtenerzähler erarbeitet. Vielen dürfte er auch durch seine musikalischen Beiträge zur Kultserie Sons of Anarchy bekannt sein, die ihm eine massive, treue Fanbase beschert haben. Doch mit „Year of the Dark Horse“ wollte er aus seinem eigenen Schatten heraustreten und Genregrenzen einreißen.
Die Realisierung: Nashville, Neon Cross und ein Hauch Wahnsinn
Um genau diesen Ausbruch aus der gewohnten Americana- und Folk-Ecke klanglich zu realisieren, holte sich Smith den renommierten Produzenten Jay Joyce ins Boot. Joyce ist eine echte Koryphäe, die schon mit Größen wie Eric Church, Cage the Elephant oder Halestorm im Studio stand.
Aufgenommen wurde das Ganze in Joyces eigenem Neon Cross Studio in East Nashville, Tennessee. Dieses Studio ist bekannt für seinen organischen, teils unorthodoxen Workflow. Bei der Realisierung wirkten neben Jake Smith (Vocals, Akustikgitarre) vor allem Jay Joyce selbst mit, der nicht nur an den Reglern saß, sondern auch E-Gitarren, Keyboards und diverse obskure Instrumente beisteuerte. Auch Jakes langjährige Weggefährten – Bassist Christopher Hoffee und Drummer Matt Lynott – waren essenziell, um das tighte Rhythmusgerüst aufzubauen. Das Album ist als Konzeptalbum angelegt, das musikalisch ein ganzes Jahr, die vier Jahreszeiten und die emotionalen Auf und Abs einer zerrütteten Beziehung abbildet. Klanglich ist das Ganze hervorragend eingefangen: Organisch, erdig, aber mit einer tollen räumlichen Staffelung, die hochwertigen HiFi-Ketten richtig Spaß macht.
Die Titel in der Übersicht
Wie auf mackern.de gewohnt, gibt es hier von mir die detaillierte Tracklist(e) mit einem kurzen klanglichen sowie musikalischen Eindruck zu jedem Stück:
- Not Today (2:58)
Ein unerwartet leiser, fast fragiler Einstieg. Smiths Stimme steht intim und trocken genau in der Mitte zwischen den Lautsprechern. Eine sanfte Akustikgitarre eröffnet das musikalische Jahr, bevor sich subtile Streicher-Arrangements einschleichen. - Winter Act 2 (3:12)
Der Rhythmus zieht an. Hier zeigt die Produktion ihre Klasse durch prägnante, sehr natürlich aufgenommene Drums und einen knarzigen Bass, der tief hinabreicht, ohne aufzudicken. Es wird kälter, aber treibender. - Kingdom For A Fool (2:55)
Ein wunderbar groovender Track mit einer fast schon karibisch anmutenden Rhythmik im Hintergrund. Tolle Feindynamik! Die Instrumente sind gestaffelt tief im Raum platziert, was eine gute Anlage hervorragend herausschälen kann. - Love Will Never Come / Spring’s Song (3:11)
Ein spannender Zweiteiler. Fängt verhalten und düster an, bricht dann aber förmlich auf, wie der Frühling selbst. Die akustischen Instrumente perlen hier wunderbar sauber aus den Hochtönern. - She Don’t Know That I Lie (2:56)
Der besagte Tipp aus der WhatsApp-Gruppe. Und Uli hatte recht: Wahnsinn, was hier alles im Hintergrund passiert. Kleine Perkussion-Elemente, subtile Synth-Teppiche und Gitarren-Licks, die im Raum umherwandern. Ein fantastischer Test-Track für Phasenrichtigkeit und Mikroauflösung. - C’mon Come Up Come Out (3:23)
Hier wird es schräg, fast schon Zirkus-artig. Vaudeville-Elemente mischen sich mit Rock. Ulis Mark Levinson Monoblöcke dürften hier bei den plötzlichen Dynamiksprüngen und der dichten Instrumentierung ordentlich Strom geliefert haben. Ein Fest für auflösungsstarke Ketten. - Love Song #3 (3:16)
Einer der emotionalen Höhepunkte. Die Melancholie ist greifbar. Die Instrumentierung nimmt sich zurück und lässt Smiths Bariton den gesamten Raum einnehmen. Gänsehaut-Potenzial bei passender Lautstärke. - Heart Attack
Ein dynamischer Weckruf. Die Transienten kommen hier knackig und schnell. Meine neu aufgestellten Pioneer S-1EX zeigen hier absolut gnadenlos und ehrlich auf, wie wichtig ein ansatzloser Antritt im Bass- und Mitteltonbereich ist. Wer Lautsprecher hat, die bei Impulsen lahmen oder den Klang weichspülen, wird das hier sofort entlarven. - Am I Still A Child (2:54)
Ein sehr reflektierter Track, der klanglich mit Hallräumen und leicht psychedelischen Elementen spielt. Die Tiefenstaffelung der Aufnahme lässt den Hörraum deutlich größer erscheinen, als er ist. - 52 Card Pickup
Intim und feingeistig. Hier ist die exakte Separation der einzelnen akustischen Elemente entscheidend. Ein toller Track, um der neutralen Wahrheit auf den Zahn zu fühlen und zu prüfen, ob die Anlage das musikalische Geschehen sauber und ungeschönt auffächert oder zu einem klanglichen Brei vermischt. - Donna (3:08)
Eine klassische, wunderschöne Ballade, die sich stark auf das Storytelling fokussiert. Minimalistisch produziert, glasklar im Klangbild. Nichts lenkt von der Stimme und der gezupften Gitarre ab. - Life Goes On (2:59)
Der perfekte, hoffnungsvolle Abschluss dieses Konzeptalbums. Harmonisch, rund und versöhnlich. Der Song klingt langsam aus und lässt einen zufrieden im Hörsessel zurück – bereit, direkt wieder auf Play zu drücken.