Hören- Messen- Halbwissen – wie der Dunning-Kruger-Effekt HiFi beeinflusst
Der Dunning-Kruger-Effekt im HiFi-Kosmos: Warum Halbwissen so laut schreit
Zwischen Messgläubigkeit und Meinungsgewalt: Ein Realitätscheck für Hifiholiker
Wer sich im HiFi- oder High-End-Zirkus bewegt, stolpert früher oder später über ein psychologisches Phänomen, das in Foren und Facebook-Gruppen grassiert wie die Pest: den Dunning-Kruger-Effekt. Im Klartext bedeutet das: Leute mit gefährlichem Halbwissen halten sich für die absoluten Gurus, einfach weil sie zu wenig Ahnung haben, um zu merken, was sie eigentlich alles nicht wissen.
In der Audiowelt sieht man das täglich: Selbsternannte Experten und Influencer treten mit einer Selbstsicherheit auf, bei der mancher Physiker blass wird – während sie grundlegende akustische Prinzipien völlig in den Sand setzen. Da werden komplexe Konzepte wie Neutralität oder Bandbreite mit hohlen Schlagworten verwechselt, nur um die eigene Meinung als absolute Wahrheit zu verkaufen.
„Neutralität ist das Fehlen an Bandbreite“ – Ernsthaft jetzt?
Solche Sprüche klingen in manchen Ohren vielleicht tiefgründig oder provokant, halten aber keiner fachlichen Prüfung stand.
Tacheles: Neutralität bedeutet, dass ein System das Signal unverfälscht durchreicht – ohne Eigenklang, ohne Oberwellen-Matsch und ohne Frequenzverbiegungen. Bandbreite hingegen ist schlicht der Arbeitsbereich des Systems. Wer beides gleichsetzt, hat im Physikunterricht wohl eher hinten gesessen.
Aber Vorsicht: Der Dunning-Kruger-Effekt schlägt auch auf der anderen Seite zu – bei der sturen Messfraktion. Es gibt Leute, die glauben, ein Diagramm erzähle die ganze Lebensgeschichte eines Lautsprechers. Wer sich nur noch in Kurven verliert, vergisst den entscheidenden Faktor: den Menschen, der davor sitzt und hört.
Subjektivität ist kein Feind, braucht aber ein Fundament
„Ich höre doch, was gut ist!“ – Dieser Satz ist an sich nicht falsch. Hören ist individuell, emotional und oft auch tagesformabhängig. Aber wer daraus ableitet, dass technische Grundlagen oder Physik plötzlich keine Rolle mehr spielen, der baut sein Haus auf Treibsand.
Genauso gefährlich ist das andere Extrem: „Messwerte sagen alles.“ Klang ist eben mehr als nur Frequenzgang und Klirrgrad. Ein Hörer reagiert auf feinste Details und Raumeinflüsse, die sich nicht immer mit einem einzigen Balkendiagramm erschlagen lassen. Problematisch wird der Diskurs genau dann, wenn subjektives Empfinden als objektive Wahrheit verkauft wird:
- Wenn Messwerte blind angebetet oder pauschal als „völlig egal“ abgetan werden.
- Wenn jemand behauptet, sein akustisch nacktes Wohnzimmer sei „perfekt“, ohne je ein Messmikrofon oder einen Absorber gesehen zu haben.
- Oder wenn ein Kabelwechsel angeblich „die Bühne um Meter verbreitert“, ohne dass jemals ein ehrlicher Blindtest stattgefunden hat.
Solche Aussagen können aus echter Begeisterung stammen – oder eben aus einer Mischung aus Placebo, Wunschdenken und technischem Halbwissen. Das macht die Erfahrung für den Einzelnen nicht weniger real, aber für eine allgemeingültige technische Bewertung taugt es nicht.
Der Effekt wirkt in beide Richtungen
Das ist der Punkt: Auch die „Objektivisten“, die nur an Graphen glauben, können in die Dunning-Kruger-Falle tappen, wenn sie meinen, mit ein paar Standard-Messungen die gesamte menschliche Wahrnehmung erklären zu können. Wer wirklich nach dem perfekten Klang sucht, braucht beides: Verständnis für die Technik und Demut vor dem eigenen Gehör. Weniger Dogma, mehr echtes Verständnis.
Fazit: Zwischen Ahnung und Meinung liegt Erfahrung
Die HiFi-Welt ist voll von lauten Meinungen. Der Dunning-Kruger-Effekt ist die Bühne für alle, die Selbstüberschätzung mit Kompetenz verwechseln. Wer glaubt, mit zwei Frequenzgang-Bildchen die Musikalität einer Kette beurteilen zu können, irrt sich genauso wie derjenige, der nach fünf Minuten Probehören im fremden Raum die „absolute Wahrheit“ verkündet.
HiFi ist kein reines Zahlenspiel, aber eben auch kein esoterisches Orakel. Es ist das Zusammenspiel von Physik, Psychoakustik und dem Raum. Aber: Geschmack ersetzt kein Wissen. Und ein schickes YouTube-Studio macht dich noch lange nicht zum Toningenieur. Deshalb: Hinterfragt euch immer wieder selbst!
Wirkliches Verständnis zeigt sich dort, wo Wissen auf Erfahrung trifft – und wo man bereit ist, dazuzulernen. Nicht jeder, der am lautesten brüllt, hat recht. Und nicht alles, was „anders“ klingt, klingt auch „besser“.
Mackern-Rat: Weniger polarisieren, mehr verstehen. Vertraut euren Ohren UND dem Messmikrofon – am besten gleichzeitig.
Quellennachweise & Deep Dive:
Grundlagen & Psychologie des Dunning-Kruger-Effekts
- Originalstudie: Kruger, J., & Dunning, D. (1999). „Unskilled and unaware of it: how difficulties in recognizing one’s own incompetence lead to inflated self-assessments.“ Journal of Personality and Social Psychology
- Erklärung durch die APA: American Psychological Association – Dunning-Kruger
- Laien-Check: Scientific American – „We Are All Confident Idiots“
HiFi, Wahrnehmung und Messkritik
- Audio Science Review (ASR): Datenbasierte Community, die zeigt, wie das Gehirn uns ohne Messungen austrickst. audiosciencereview.com
- Ethan Winer – „The Audio Expert“: Audio-Guru, der mit Mythen aufräumt. ethanwiner.com/aes/ (Werbung Amazon: Buch: The Audio Expert)
- Floyd E. Toole – „Sound Reproduction“: Die absolute Bibel zur Lautsprecher-Beurteilung. (Werbung Amazon: ISBN: 9781138921368)
Wissenschaft über Hören & Selbstüberschätzung
- Sean Olive / Harman Research: Forschung über objektive Klangbewertung. seanolive.blogspot.com
- Psychoakustik-Grundlagen: Fastl & Zwicker: „Psychoacoustics: Facts and Models“. (Werbung Amazon: ISBN: 978-3540302656)