Bill Frisell – East / West
Bill Frisell – East / West Hörbericht:
- Label: Nonesuch – 7559-79863-2
- Format: 2 x CD, Album
- Veröffentlicht: 2005 (Aufnahmen teilweise früher)
- Genre: Jazz / Americana
- Stil: Contemporary Jazz, Avant-Garde, Folk-Jazz
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„East/West“ ist ein absolutes Referenz-Album des amerikanischen Jazzgitarristen Bill Frisell. Frisell ist bekannt dafür, die Grenzen der Jazzgitarre einzureißen und Stile wie Folk, Country und Blues nahtlos in seine Klangwelt zu integrieren. Dieses Doppel-Album fängt Frisell in Bestform ein und bietet eine musikalische Reise, die zwischen städtischer Komplexität und ländlicher Weite pendelt.
Konzept: Die Dualität der Klänge
Der Titel „East/West“ ist hier Programm. Er spiegelt die geografischen und kulturellen Kontraste wider, die Frisell so meisterhaft vertont. Es ist ein Spiel mit der Dualität von städtischen Klängen (East) und der Sehnsucht nach der Freiheit des ländlichen Amerikas (West). Frisell schafft es, eine hypnotische Atmosphäre zu kreieren, die mal melancholisch-introspektiv und mal jubilierend-frei wirkt.
Die Besetzung: Ein Team für Texturen
Bill Frisell wird von Musikern begleitet, die seine Vorliebe für „Klangfarben“ perfekt teilen:
- Kenny Wollesen (Drums): Liefert einen subtilen, vielseitigen Puls.
- David Piltch / Tony Scherr (Bass): Sorgen für das unerschütterliche Fundament.
- Jenny Scheinman (Violine): Fügt lyrische und ergreifende Dimensionen hinzu.
- Greg Leisz (Dobro, Pedal Steel): Der Meister der Slide-Klänge, der dem Album diesen unverwechselbaren Americana-Touch verleiht.
Trackliste & Analyse:
CD 1: West
- I Heard It Through The Grapevine (8:00): Eine ikonische Soul-Nummer, die Frisell komplett dekonstruiert und in eine jazzige Improvisation verwandelt. Genialer Einsatz von Effekten!
- Blues For Los Angeles (11:09): Ein entspannter Groove, der die Weite und Einsamkeit der Westküsten-Metropole perfekt einfängt.
- Shenandoah (12:05): Die traditionelle Folkballade wird hier so sanft und tief präsentiert, dass man die Geschichte Amerikas förmlich atmen kann.
- Boubacar (6:22): Eine Hommage an Boubacar Traoré mit lebendigen, afrikanisch inspirierten Rhythmen.
- Pipe Down (10:50): Experimentell und schichtenreich. Ein intensiver Dialog zwischen den Instrumenten.
- A Hard Rain’s A-Gonna Fall (11:47): Frisell interpretiert Dylan. Die dunkle, nachdenkliche Stimmung wird durch das Gitarrenarrangement extrem intensiviert.
CD 2: East
- My Man’s Gone Now (3:48): Eine verletzliche Interpretation des Gershwin-Klassikers.
- The Days Of Wine And Roses (9:20): Sanft, melodisch und voller harmonischer Tiefe. Ein echtes Highlight.
- Ron Carter (13:59): Eine monumentale Hommage an den Bass-Giganten. Hier zeigen die Musiker, was blindes Verständnis bei der Improvisation bedeutet.
- Goodnight Irene (8:57): Nostalgisch und traurig zugleich – Frisells Gitarre bringt die Seele dieses Traditionals zum Klingen.
- The Vanguard (4:44): Freiheit und Experimentierfreude pur.
- People / Crazy / Tennessee Flat Top Box: Ein wilder Ritt durch Songwriting-Geschichte (Merrill, Nelson, Cash), den Frisell zu seinem ganz eigenen Werk macht.
Fazit
„East/West“ ist ein Pflichtalbum für jeden, der wissen will, wie moderne Jazzgitarre klingen kann, wenn sie keine Angst vor Blues und Country hat. Für audiophile Hörer ist dieses Album ein Fest: Die Räumlichkeit, die feinen Texturen der Pedal Steel Guitar und die trockene, präzise Percussion von Kenny Wollesen sind ein exzellenter Test für die Auflösung und Natürlichkeit jeder High-End-Kette.