CD Cover mit Menschen drauf die ein Objekt anschauen

HiFi Sucht- Wenn das Streben nach dem perfekten Klang zur Endlosschleife wird

HiFi-Sucht: Der endlose Kreislauf auf der Jagd nach dem perfekten Klang

Einleitung

Ich bin seit vielen Jahren im Bereich HiFi und High End unterwegs – als Hörer, als Bastler, als Kritiker. Was einst als leidenschaftliches, fast schon unschuldiges Streben nach bestmöglicher Musikwiedergabe begann, entwickelt sich bei manchem Musikliebhaber schleichend zu einem schwer greifbaren, destruktiven Phänomen. Betrachtet man die Mechanismen genauer, zeigen sich erschreckende Parallelen zu klassischen klinischen Suchtverläufen. Es geht nicht mehr um Musik. Es geht um den Schuss.

Das Streben nach dem perfekten Klang – eine unlösbare Aufgabe?

Der Wunsch nach der perfekten Klangwiedergabe ist ein Ziel, das naturgemäß nie vollständig erreicht werden kann – es ist eine Asymptote. Musik ist tief subjektiv, ebenso wie das psychoakustische Empfinden. Technische Verbesserungen sind physikalisch irgendwann begrenzt, und ab einem gewissen Punkt bewegen wir uns nur noch in winzigen Nuancen, die in keinem Verhältnis mehr zum finanziellen Einsatz stehen.

Dennoch suggerieren uns Hochglanz-Zeitschriften, geschäftstüchtige Händler, pompöse Messeveranstalter und inzwischen auch unzählige Foren und Social-Media-Plattformen das Gegenteil: Sie verkaufen die Illusion, dass mit jedem neuen Gerät, jedem dickeren Kabel oder jeder neuen Streaming-Plattform eine klangliche Offenbarung, ein „Vorhang, der sich öffnet“, auf uns wartet.

Uns wird permanent eingeredet, wir könnten unsere CD- oder LP-Sammlung „völlig neu entdecken“. Das ist eine perfide Form der Indoktrination, die geschickt mit unseren Erwartungen, Sehnsüchten und der Hoffnung spielt, endlich das Optimum zu finden und zur Ruhe zu kommen. Doch genau diese Ruhe ist nicht gewollt. Hier beginnt ein Teufelskreis, der an die klassischen Belohnungsmechanismen von Abhängigkeiten erinnert.

Parallelen zur klassischen Sucht

Toleranzentwicklung

Wie bei jeder Droge reicht auch bei HiFi der bisherige „Kick“ mit der Zeit nicht mehr aus. Das System, das gestern noch Gänsehaut verursachte, wirkt nach drei Wochen Gewöhnung plötzlich flach, langweilig oder unausgewogen. Das Gehirn hat sich an den Reiz adaptiert. Man braucht neue Impulse – also teurere Geräte, exotischere Lautsprecher, schwerere Verstärker, um das gleiche Glücksgefühl wiederherzustellen.

Entzugserscheinungen

Schon wenige Wochen ohne einen Neukauf, ein neues Leihgerät oder ein vermeintliches „Upgrade“ können innere Unruhe, Unzufriedenheit und echtes Unwohlsein hervorrufen. Der Blick wandert ständig zum Audio-Markt, zu Kleinanzeigen, zu Testberichten. Dieses rastlose Verhalten sehe ich in meinem direkten Umfeld leider viel zu oft.

Verdrängung und Rationalisierung

Der Süchtige schützt seine Sucht. Man redet sich ein, dass das neue Gerät „objektiv besser“ sei, obwohl es faktisch kaum hörbare Unterschiede gibt oder die Messwerte identisch sind. Besonders absurd wird es, wenn man tausende Euro in Elektronik versenkt, sich aber standhaft weigert, die Raumakustik zu optimieren – den einzigen Faktor, der den Klang wirklich revolutionieren würde. Stattdessen werden Ausreden konstruiert, warum der letzte Kauf nun doch nicht das Maß aller Dinge war und warum erst das nächste Gerät die Erlösung bringt.

Soziale Isolation

In schweren Fällen kann das Suchtverhalten sogar Beziehungen und Familien belasten. Es werden immer größere Summen vom gemeinsamen Konto in eine Leidenschaft investiert, die nach außen hin zunehmend unverständlich und manisch wirkt. Der Partner versteht nicht, warum der fünfte Verstärker nötig ist, und der „Audiophile“ zieht sich in seinen Hörraum (und seine Forenblase) zurück.

Ein Fall aus dem eigenen Umfeld

Ein Beispiel aus meinem eigenen Bekanntenkreis verdeutlicht diesen Wahn sehr eindrücklich. Ein HiFi-Enthusiast ist seit über 18 Jahren auf der hektischen Suche nach seinem klanglichen Optimum. Doch je mehr er sucht, je mehr er kauft und verkauft, desto weiter entfernt er sich von einem Ziel, das er womöglich nie erreichen kann, weil es in seinem Kopf existiert, nicht im Laden.

Sein Modus Operandi: Er leiht sich permanent neue Geräte aus, hört sie Probe, sucht zwanghaft nach Fehlern, macht von seinem Rückgaberecht Gebrauch – und beginnt den Prozess von vorn. Inzwischen verweigern viele Händler in Deutschland die Lieferung an ihn, weil sie diese Endlosschleife durchschaut haben und den wirtschaftlichen Schaden durch B-Ware und Versandkosten nicht mehr mittragen möchten.

Die Sucht trieb ihn so weit, dass er selbst mich instrumentalisieren wollte. Er spannte mich als Hobbylieferant ein und versuchte tatsächlich, mich hinter meinem Rücken bei einem Hersteller als großen HiFi-Influencer vorzustellen. Er versprach dem Hersteller vollmundig, ich würde auf YouTube kostenlosen Content produzieren und die Produkte bewerben. Seine Absicht war dabei völlig egoistisch: Er wollte über diesen Hebel günstiger an die Lautsprecher des Herstellers kommen und mich als Mittel zum Zweck nutzen. Das sind ganz klare Suchterscheinungen und Beschaffungskriminalität im übertragenen Sinne, wo man moralisch „über Leichen geht“, nur um an den nächsten Stoff – sprich: die nächste Hardware – zu kommen.

Das Dilemma des Preisverfalls

Hinzu kommt der dramatische, finanzielle Aspekt: Der Preisverfall vieler High-End-Komponenten ist brutal. Wer in diesem Karussell sitzt und stets Neuware kauft, verbrennt Geld in einem Ofen. Selbst Top-Marken und modernste Technik verlieren, sobald die Kartons geöffnet sind, massiv an Marktwert. Das erhöht den psychischen Druck auf den Käufer weiter: Man hat ein Vermögen investiert, ist dennoch unzufrieden, kann aber nicht zurück, ohne sich einzugestehen, dass das investierte Kapital vernichtet wurde.

Die Rolle der Industrie und der Medien

Die Industrie weiß das. Sie lebt von diesen Mechanismen, nicht vom einmaligen Verkauf eines langlebigen Produkts. Viele Fachzeitschriften sind finanzielle Siamesische Zwillinge der Hersteller und Vertriebe. Kaum ein Testbericht endet noch mit einem ehrlichen, kritischen Urteil oder einer Kaufwarnung. Stattdessen werden im Monatstakt neue „Referenzen“ ausgerufen, an denen sich der verunsicherte Hörer orientieren soll.

Auch auf High-End-Messen wird die Illusion des „immer noch besseren Klanges“ geschickt inszeniert – oft mit Musik, die selbst auf einem Küchenradio gut klingen würde. Und in den sozialen Medien wird jeder neue Kauf von anderen Enthusiasten (Co-Abhängigen) beklatscht – selbst wenn es sich nur um marginale technische Änderungen handelt. Auf YouTube zieht sich das leider komplett durch! Es sind reine Marketingveranstaltungen getarnt als Reviews, und die meisten HiFi-Influencer sind nichts weiter als die verlängerten, unkritischen Arme der Industrie.

Neutralität als Ausweg

Gibt es einen Ausweg? Ja. Er ist aber nicht sexy. Der Ausweg liegt in einer nüchternen Rückbesinnung auf die technischen Grundprinzipien der Musikwiedergabe: Neutralität. Die Wiedergabekette sollte ein Fenster sein, keine getönte Brille. Geräte, die Musik unverfälscht, linear und ohne „Eigenklang“ übertragen, sind das eigentliche Ziel. Wer dies einmal verinnerlicht und die Physik akzeptiert, erkennt sehr schnell, dass das Ende der Fahnenstange viel früher erreicht ist, als es einem die Industrie mit ihren 50.000-Euro-Verstärkern weismachen möchte.

Fazit: Die Kunst, rechtzeitig anzuhalten

Die HiFi-Welt ist faszinierend, vielfältig und technisch hochentwickelt. Sie erlaubt es uns, Musik in einer Qualität zu genießen, die noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar war. Ich liebe dieses Hobby. Doch gerade diese Vielfalt und die immer neuen technischen Versprechungen können zur Falle werden.

Das blinde Streben nach Perfektion wird für manche Hörer zu einer Endlosschleife, die dem klassischen Suchtschema in erschreckender Weise ähnelt: Immer wieder wird aufgerüstet, optimiert, ersetzt – in der verzweifelten Hoffnung, endlich den letzten fehlenden Baustein für den „idealen Klang“ zu finden. Händler, Medien und soziale Netzwerke befeuern diesen Kreislauf.

Finanziell riskieren viele High-Ender dabei massive Verluste, emotional geraten sie in einen permanenten Zustand der Unzufriedenheit. Die Musik, die eigentliche Essenz, tritt in den Hintergrund und wird zum bloßen Testsignal degradiert.

Der Ausweg liegt im Kopf, nicht im Geldbeutel: Neutralität, technische Vernunft und die Akzeptanz, dass ein gut zusammengestelltes System dauerhaft Freude schenken kann. Die größte Kunst im High-End-Bereich besteht eben nicht darin, immer weiter zu kaufen — sondern den Punkt zu erkennen, an dem es gut ist. Anzuhalten. Und zuzuhören.


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Wenn du aus dem Hamsterrad aussteigen willst, aber trotzdem vernünftiges Material brauchst: Man muss keine Unsummen ausgeben.

Hier einige Seiten, die das Thema Sucht behandeln (Du bist nicht allein):

Externe Links speziell zum Thema „Upgrade-Sucht“ & „Technik-Sucht“ (englischsprachig, aber sehr treffend):

  1. The Audiophile’s Upgrade Addiction
    https://www.whathifi.com/features/audiophile-upgrade-addiction
    (Ein absolut lesenswerter Artikel, der den HiFi-Sucht-Kreislauf perfekt beschreibt)
  2. Stereophile: The Upgrade Spiral
    https://www.stereophile.com/commentary/107upgrade/index.html
    (Hier wird die Spirale der ständigen Upgrades thematisiert – alt, aber aktueller denn je)