CD Cover mit einer Frau die gerade Lautsprecher anschaut

Breitbandlautsprecher tief erklärt – der Weg zum natürlichen Klang

Breitbandlautsprecher – Ein tiefer Einblick in die Kunst der punktuellen Klangwiedergabe

Es gibt in der Hifi-Welt zwei Lager. Die einen wollen Chassis aus Beryllium, Diamant und Keramik, aufgeteilt auf fünf Wege mit Frequenzweichen so groß wie Pizzaschachteln. Und dann gibt es die anderen. Die Puristen. Diejenigen, die wissen, dass weniger manchmal verdammt viel mehr ist. Wir reden über Breitbandlautsprecher.

Die Idee ist so simpel wie genial (und verflucht schwer umzusetzen): Ein einziger Treiber macht alles. Vom tiefsten Kontrabass bis zum feinsten Zischeln des Beckens. Keine Weiche, keine Phasenprobleme, nur Musik. Aber kann eine einzelne Membran wirklich das gesamte Spektrum abdecken? Die Antwort ist ein klares Jein – und genau da wird es spannend.

Warum tun wir uns das an? Der Reiz der Punktschallquelle

Warum sollte man sich mit einem Breitbänder einschränken, wenn man doch für jeden Frequenzbereich Spezialisten nutzen könnte? Die Antwort liegt in der Kohärenz.

Bei einem klassischen Mehrweg-Lautsprecher wird das Signal zerhackt. Der Bass spielt unten, die Mitten in der Mitte, der Hochtöner oben. Dein Gehirn muss diese zerstückelten Informationen wieder zusammensetzen. Dazu kommen Frequenzweichen, die Phase und Timing verschieben. Das Ergebnis ist oft technisch perfekt, aber emotional… nun ja, „zerfasert“.

Ein Breitbänder ist anders. Er ist eine echte Punktschallquelle. Der Schall kommt zeitgleich aus einem Zentrum. Das Ergebnis ist eine räumliche Abbildung, die so holografisch und greifbar ist, dass man meint, die Sängerin steht direkt vor einem. Stimmen klingen nicht wie aus einer Kiste, sondern wie echte Menschen. Das Timing („Transient Response“) ist brutal direkt, weil keine Spulen und Kondensatoren im Signalweg bremsen.

Die physikalischen Grenzen (und wie wir sie austricksen)

Natürlich gibt es keine eierlegende Wollmilchsau. Ein Breitbänder muss Kompromisse machen:

  • Bass vs. Höhen: Um 20 kHz wiederzugeben, muss die Membran leicht sein. Um 40 Hz zu schieben, muss sie stabil sein und Hub machen. Beides gleichzeitig ist ein physikalischer Spagat.
  • Bündelung (Beaming): Je höher die Frequenz, desto stärker bündelt der Lautsprecher den Schall. Im Sweetspot ist es himmlisch, einen Meter daneben fehlen die Höhen. Das ist der Preis für die Präzision.

Aber wir Mackerianer sehen das nicht als Bug, sondern als Feature. Und hier kommt das Gehäuse ins Spiel.

Gehäusebau – Die halbe Miete

Ein Breitbänder in einer geschlossenen Kiste ist wie ein Ferrari im Stau. Er braucht Platz zum Atmen. Erst das richtige Gehäuse holt den Bass aus dem Chassis, den man ihm aufgrund seiner Größe gar nicht zutraut. Hier sind die Klassiker:

  • Voigt Pipe (TQWT): Der Klassiker von Paul Voigt. Eine sich verjüngende Röhre, die Horn- und Transmissionline-Effekte kombiniert. Trockener, tiefer Bass aus kleinen Treibern.
  • Backloaded Horn: Die Königsdisziplin. Der Schall von der Rückseite der Membran wird durch einen langen, sich öffnenden Trichter verstärkt. Wirkungsgrad ohne Ende, Dynamik zum Niederknien (aber wehe, man baut es falsch!).
  • Open Baffle (Offene Schallwand): Kein Gehäuse, nur ein Brett. Der Lautsprecher spielt frei. Kein Kistenklang, extrem luftig, aber braucht viel Membranfläche für Bass.

Ein kurzer Blick in die Geschichte

Breitbänder sind kein neuer Hipster-Trend, sie sind die Urväter des Hifi:

  • 1934: Paul Voigt entwickelt die legendäre Voigt Pipe und Treiber mit extrem starken Antrieben.
  • 1950er: Der Quad ESL-57 (Elektrostat) zeigt der Welt, wie sauber eine membranlose Breitbandwiedergabe klingen kann.
  • Whizzer-Cones: Die Erfindung des „Schwirrkonus“ (der kleine Trichter in der Mitte) ermöglichte es, den Hochton mechanisch zu verstärken, ohne einen separaten Tweeter zu brauchen.

Was ist eigentlich mit Koaxial-Lautsprechern?

Oft verwechselt, aber technisch anders: Der Koaxial-Lautsprecher (wie bei KEF oder Tannoy). Hier sitzt ein Hochtöner in der Mitte des Tieftöners. Das Ziel ist auch hier die Punktschallquelle, aber man nutzt zwei spezialisierte Treiber und eine Frequenzweiche. Das ist oft einfacher handzuhaben und hat breiteres Abstrahlverhalten, verliert aber diesen gewissen „magischen Direktzugriff“, den nur ein filterloser Breitbänder hat.


Die Akteure: Wer baut die besten Breitbänder?

Der Markt ist riesig, von billigen 10-Euro-Quäken bis zu 5.000-Euro-Kunstwerken mit Feldspulen-Antrieb. Hier ist eine Übersicht der etablierten Größen:

Hersteller Herkunft Bemerkenswerte Modelle & Charakter
Fostex Japan FE206En, FE103. Die Einstiegsdroge. Bananenpapier-Membranen, extrem spritzig, brauchen oft Sperrkreise. DIY-Klassiker.
Lowther UK PM6A, EX-Serie. Die Legende. Extrem starker Antrieb, wahnsinnig schnell, aber auch „zickig“. Lieben Backloaded Hörner.
Voxativ Deutschland AC-1.6, Ampeggio. Deutsche Ingenieurskunst. Versuchen, die Schwächen von Lowther (den „Shout“) zu eliminieren. High-End pur.
Markaudio Hongkong Alpair 7, 10, CHR-70. Metallmembranen. Klingen sehr modern, linear und langhubig. Weniger „Vintage-Charme“, mehr Hifi.
Tang Band Taiwan W8-1772, W4-1320. Der Preis-Leistungs-Sieger. Exzellente Bambus-Papiermembranen. Klingen sehr ausgewogen und warm.
Manger Audio Deutschland MSW (Manger Schallwandler). Einzigartiges Biegewellen-Prinzip. Klingt nicht wie ein Lautsprecher, sondern wie Realität.
Supravox Frankreich 215 Signature. Alte Schule. Leichte Papiermembranen, hoher Wirkungsgrad. Ein Traum an Röhrenverstärkern.
EMS Frankreich LB8, LB12. Michel Fertin führt das Erbe weiter. Auch mit Feldspulen (Field Coil) erhältlich. Absolute Weltklasse.
Seas Norwegen Exotic F8. Ein modernes Chassis im Vintage-Gewand. Klingt sehr entspannt und dennoch detailreich.
Visaton Deutschland B200. Der deutsche Klassiker für offene Schallwände. Groß, günstig, gut.

Der Blick nach Osten: High-End aus China

Lange Zeit belächelt, heute ernstzunehmende Konkurrenz. Chinesische Hersteller wie Lii Audio mischen den Markt mit Designs auf, die sich stark an den alten Western Electric oder Klangfilm Vorbildern orientieren – zu Preisen, die man sich leisten kann.

Hersteller Herkunft Empfehlung & Info
Lii Audio China Silver-10, F-15, Crystal-10. Die momentanen Shootingstars. Bauen riesige 15-Zoll-Breitbänder für Open Baffle, die fantastisch klingen. Auch Feldspulen-Modelle im Programm.
Tang Band (TB Speaker) Taiwan/China W8-2145, W5-1611. Etablierte Qualität. Bauen auch für viele westliche High-End-Marken die Treiber.
Aiyima Audio China Kleine, günstige Treiber für Desktop-Projekte oder Bluetooth-Boxen. Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.
Dayton Audio USA/China PS95-8, RS100. Die „Point Source“-Serie ist ein Geheimtipp für kleine FAST-Systeme (Fullrange and Subwoofer).

Fazit: Mut zur Lücke (und zur Mitte)

Breitbandlautsprecher sind nichts für Messwert-Fetischisten, die eine glatte Linie von 20 Hz bis 20 kHz suchen. Sie sind Charakterdarsteller. Sie haben Ecken und Kanten. Aber wenn du einmal eine gut abgestimmte Kette mit einem hochwertigen Breitbänder und einer kleinen Röhre gehört hast, wenn Norah Jones plötzlich in deinem Wohnzimmer atmet, dann weißt du, warum wir diesen Aufwand betreiben.

Es ist die direkteste Verbindung zur Musik. Ungefiltert. Ehrlich. Schön.

Video: Lii Audio F-15 in Aktion (Open Baffle)